Geschlechterverhältnisse, Biologie und Nationalismus: Geschlechterauffassungen als umkämpftes Terrain​ (Vortrag)

Lange Zeit schien es, als wenn sich Geschlechterungleichheit infolge der nachhaltigen rechtlichen Verankerung von Gleichheitsnormen zunehmend verringern würde. Geschlecht ist aber nach wie vor eine zentrale Ungleichheitskategorie. Ungleichheit spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt, auf sozialstaatlicher und politischer Ebene oder auch in gesellschaftlichen Debatten über gleichgeschlechtliche Liebe; vorherrschendes Leitbild ist trotz aktueller gesetzlicher Veränderungen die an Heterosexualität orientierte Paarbeziehung. LGBTQ*-Identitäten werden regelmäßig als Abweichung von der gesellschaftlichen Normalitätsordnung eingeordnet. Dies verbindet sich mit Hierarchisierung und Abwertung.

Wenn wir verstehen wollen, wie sich die Wahrnehmung von Geschlechterverhältnissen in westlich, europäischen Gesellschaften aktuell darstellt, und weshalb ‚Geschlecht‘ in verschiedener Hinsicht ein intensiv debattiertes und (sozio-politisch) umkämpftes Terrain ist, müssen wir im ersten Schritt die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung im Übergang zum Kapitalismus (im Kontext der Industrialisierung) ab 1800 rekonstruieren. Dies ist der historische Ort, an dem Geschlecht als Ungleichheits- und Differenzkategorie etabliert und Homosexualität pathologisiert worden ist. Kern der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist ein Geschlechtervertrag, der Frauen in rechtlicher, ökonomischer und sozialer Hinsicht auf ganz neue Weise einschränkt und ihre soziale Existenz an die historisch ebenfalls neue Hausarbeit bindet. Dem wird im ersten Schritt nachgegangen und rekonstruiert, wie es mit Hilfe wissenschaftlich gestützter Geschlechterideologien (von der Anthropologie bis zur Nationalökonomie) gelungen ist, Frauen – unter Verweis auf ‚ihre Biologie‘ – als das andere Geschlecht (de Beauvoir) zu konstruieren, eine Weltsicht der natürlichen Unterschiede, der natürlichen Arbeitsteilung und der Abwertung von Homosexualität zu etablieren und Frauen rechtlich zu marginalisieren, indem ihnen die staatsbürgerlichen Rechte vorenthalten wurden.

In einem weiteren Schritt wird erörtert, dass die um 1800 etablierte westlich-europäische Geschlechterordnung sich parallel über eine weitere Differenz im Zusammenhang von Kolonialismus und Imperialismus konstituiert; ihr Referenzpunkt ist die soziale (Geschlechter)Ordnung in den Kolonien. Deren gewaltvolle Eroberung und die ‚Zivilisationsmission‘ wurden maßgeblich unter Verweis auf ‚unzivilisierte‘ Geschlechterverhältnisse begründet. Die neuen Wissenschaften vom Menschen haben in diesem Zusammenhang die Unterwerfung und Rassifizierung von Menschen in den Kolonien legitimiert.

Ein konzeptioneller Anker dieser Weltauffassungen ist die Idee der Nation und der damit einhergehende Nationalismus. Die bürgerliche Geschlechterordnung ist eine zentrale Säule nationalistischer Weltsichten. Wie sich dies bis in die Gegenwart hinein spiegelt, etwa in rechtspopulistischen Weltsichten, wird in einem dritten Schritt verhandelt: Auch heute sind westliche, europäische Gesellschaften – trotz der Erfahrung von Kolonialismus, Sklaverei und der Ermordung des europäischen Judentums – durch Ethnisierung und Rassifizierung charakterisiert. Ein Kern ist die Rassifizierung migrantischer Geschlechterverhältnisse; der Verweis auf Geschlecht ist ein Kristallisationspunkt abwertender Typisierungen und Kategorisierungen. Mit Hilfe postkolonialer Ansätze wird daher abschließend beleuchtet, wie das Abbild von ‚der‘ unterdrückten, ‚fremden‘ Frau in diesem Zusammenhang als Kontrastfolie zur emanzipierten, westlichen Frau und Feministin aufrechterhalten wird.

Leseempfehlung

Winkel, Heidemarie. 2018. Postkolonialismus: Geschlecht als koloniale Wissenskategorie und die weiße Geschlechterforschung, in: B. Kortendiek, B. Riegraf, K. Sabisch (Eds.), Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung. Geschlecht und Gesellschaft Vol. 65, Wiesbaden: Springer. Online first. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-12500-4_36-1.

Winkel, Heidemarie. 2017. Tradition – Moderne: Ein ethnozentrischer Dualismus in der westlich-europäischen Geschlechterforschung, in: Kortendiek B., Riegraf B., Sabisch K. (Eds), a.a.o.

Online first. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-12500-4_7-1.

Vortrag von Prof. Heidemarie Winkel (Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld)

Der Vortrag findet im Rahmen der Vorlesungsreihe “(UM)WELTBILDER – Weltansichten, Werte und Wirklichkeiten im interdisziplinären Kontext” statt, die wir dieses Semester gemeinsam mit dem Institut Integrale organisiert haben.

Infos zu den weiteren Vorträgen findet Ihr auf der Seite der Ringvorlesung.