„Viele erste Male“ – Aufbruchsjahre mit bleibender Wirkung inkl. Interview


Nach einer eher zähen Phase zu Beginn der 2000er beginnen die neuen Aktiven mit Herzensprojekten, die teilweise bis heute das Gesicht der tuuwi prägen.

Mit der POT81-Besetzung 2007 wird studentischer Protest erstmals wieder sichtbar am Campus. Es folgen 2008 der erste dokumentierte Umweltfilmabend im Kino im Kasten sowie die Gründung von UniSolar, die die Energiewende am Campus praktisch mitgestalten will. 2009 entsteht mit dem ersten Umweltleitfaden (Ulf) ein wichtiges Format für Umweltbildung. Kurz darauf wird die AG Mensa Universale zum Thema (tierfreie) Ernährung an der Hochschule gegründet.

Viele erste Male und das, obwohl die tuuwi bereits das stolze Alter von 25 Jahren feiert.

Lust auf Perspektiven einer Zeitzeugin? Antonia Mertsching – zwischenzeitlich Mitglied des Sächsischen Landtages für die Fraktion Die LINKE – erzählt inwieweit sich die tuuwi in dieser Zeit politisiert und professionalisiert und sie Freunde fürs Leben gefunden hat: Das ganze Interview vom 16.10.2023 gibt es weiter unten.


Interviewauszug von Antonia:

Antonia damals

Klara: Von wann bis wann warst du so ungefähr aktiv?
Antonia: Von 2010 bis 2013, drei Jahre. Es hat angefangen… ich war selber mal in einer Umweltringvorlesung und dann habe ich gehört, dass man die auch selber organisieren kann. Und weil mein Lieblingsthema ja Politik des Essens ist, also Landwirtschaft, Ernährung, Ernährungssouveränität und so einen Kram (das war schon immer mein Herz- und Magen-Thema) wollte ich unbedingt so eine Umweltringvorlesung organisieren. Dann habe ich erst das gemacht, das war quasi auch eine Nebenjob-Frage, und darüber bin ich dann zur tuuwi gekommen. Dann habe ich angefangen, mich mehr zu engagieren und dann war ich eine ganze Zeit lang die Geschäftsführerin.

Ellen: Wie groß war die tuuwi damals? Wie viele Leute wart ihr?
Antonia: Zehn, 15 Leute. Also, ich kann es nicht mehr so richtig sagen, es hat ja auch immer gewechselt. Es gab einen harten Kern. In der Hoch-Zeit, an die ich mich ja so erinnere, die für mich auch so prägend war – Martin, Sarah, Carsten, Bodo, Julia, Pia, Marco … da haben wir sehr viel gerockt in der Zeit.

Klara: Wie habt ihr miteinander kommuniziert? Wir machen alles über den Telegram-messenger-Dienst.
Antonia: Das war ja damals noch nicht so. Na, wir haben uns getroffen. Jede Woche hatten wir ein tuuwi Treffen, ich glaube immer donnerstags und da wurden halt die Sachen besprochen. Ansonsten per E-Mail kommuniziert.

Klara: Wie würdest du die Stimmung in der Gruppe beschreiben?
Antonia: Wir waren eine gut organisierte Truppe. Die einen, die irgendwie gerne Texte geschrieben haben, die anderen, die gerne halt so die Finanzen gemacht haben, die anderen, die organisiert haben und andere, die viel technisches Know-how hatten für Homepage und Hintergrundarbeit. Da haben wir uns einfach alle gut ergänzt.

Ellen: Gab es da irgendwie so bestimmte Debatten, die so prägend waren irgendwie in der Zeit oder gab es irgendwelche Themen, die einfach immer wieder aufgekommen sind?
Antonia: Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, in der Zeit war gerade die AG Mensa Universale ziemlich aktiv, die sich viel für veganes und vegetarisches Essen eingesetzt haben. Das war ja schon die zweite oder dritte Generation, die sich dafür engagiert hat…

Wir haben jedes Jahr den Umwelttag gemacht, Anfang Juni. Immer zu einem Thema dann mit Ines Herr etwas veranstaltet. Der größte Coup war dann Essen in der Mensa. Wir wollten eigentlich, dass die Regularien in der Mensa verändert werden. Dass grundständig immer ein veganes Gericht angeboten wird und mehr vegetarisch und weniger Fleisch. Da hatten wir eine Sitzung beim Rektor, Müller-Steinhagen, da durfte ich mit der Professorin Günther dort hingehen und dann bin ich da voll ins kalte Wasser geschmissen worden: „Stellen sie mal kurz ihre Idee vor, sie haben eine Minute Zeit.“ Da habe ich das so gesagt: „Ja, wir wollen, dass weniger Fleisch und mehr vegetarisch und vegan gegessen wird. Und wenn man das Angebot verändert, dann wird schon die Nachfrage mitziehen und soweiter.“ Dann haben die das dort alle abgewatscht und ich bin frustriert dort raus und dachte „Fuck, Scheiße“.

Zwei Tage später hatte der damalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich in die Kunsthochschule eingeladen. Da waren alle zivilgesellschaftlichen Akteure aus Dresden. Jedenfalls war der Rektor dort und mich hat das nicht losgelassen, ich hatte irgendwie so eine komische Laune an dem Abend und dann bin ich zu ihm hin und hab gesagt: „Wir müssen noch mal darüber reden! Ich hab das Gefühl, es ist irgendwie alles nicht so richtig rübergekommen und…“ „Doch, doch, wir haben sie schon verstanden, aber man kann das nicht mit so Zwang machen, wir müssen das über Commitment machen. Lassen Sie uns doch eine Kampagne machen für mehr vegetarisches Essen und ich mach mit!“ und ich so „Okay, alles klar!“ Dann habe ich an dem Abend noch Juli angerufen „Juli, der Direktor hat gesagt er macht eine Kampagne! Du musst das Organisieren!“. Und ich weiß, die hatte dann eine übelste Arbeit damit.

Ellen: Hattest du zu deiner Zeit das Gefühl, dass ihr auf offene Ohren getroffen seid?
Antonia: Damals war es ja noch schlimmer als heute. Heute gibt es ja wenigstens so ein Bewusstsein dafür, dank Fridays for Future, dass sich die Klima-Diskurse so verändert haben. Aber damals?

Klara: Wer waren so eure Gegenplayer?
Antonia: Das war halt nicht so… naja, obwohl einmal haben wir ein vegetarisches Grillen gemacht und dann gab es ein „Protest-Grillen“ von irgend so einer anderen Hochschulgruppe von irgendwelchen dudes. Die hatten sich dann extra Würstchen gegrillt. Das waren so die Spielereien untereinander. Ansonsten war es eher Desinteresse.

Klar, Frau Professorin Günter hat sich immer gefreut und hat immer unterstützt, was wir gemacht haben. Sie hat uns auch blind vertraut in dem, was wir gemacht haben. Das fand ich schon cool. Also wenn man das heute mal so rückblickend betrachtet, dann hat man, glaube ich, nicht so oft von jemanden einen Freifahrtschein, Dinge so zu machen.

Klara: Wo du gerade das Selbstverständnis ansprichst, wie hattet ihr euch damals als Gruppe definiert?
Antonia: Na, wir waren halt tuuwis. Das hat man damals schon gemerkt oder gewusst, dass es ein historischer Verein ist…. Und wenn du dann daran denkst, Milana Müller vom Umweltbildungshaus Johannishöhe in Tharant, die gehört ja mit zu den Gründungsmitgliedern der tuuwi, die kannte ich dann auch schon… Also man fühlt sich als Teil dieser tuuwi-Gemeinschaft. … Es gab immer so Verbandelungen überall hin. Irgendwann war es so, dass man sich als Teil der tuuwi gefühlt hat. Dieser große Pilz, der immer wieder irgendwo so seine Früchte über das unsichtbare Netz ausschickt.

Ellen: Hat die Zeit bei der tuuwi dich geprägt? Und wenn ja, wie?
Antonia: In jedem Fall. Ich habe 2004 angefangen zu studieren und mich nach einiger Zeit bei Konsum-global engagiert. Da habe ich angefangen, konsumkritische Stadtführungen durch die Dresdner Altstadt zu geben. Dann habe ich bei der tuuwi angefangen, erst mit den Vorlesungen und dann generell mit dem Engagement. Und da ist die tuuwi mein Zuhause geworden. Da habe ich meine Freunde gefunden…
Das hat mich sehr geprägt, wie man sich engagiert, politisiert und wie man sich als Gruppe selbst organisiert. Ich habe viel gelernt über Gruppenprozesse. Ich weiß nicht, ob ich das irgendwie verkläre, aber wir hatten einen ziemlichen Flow.

Es hat mir auch dahingehend geholfen, dass ich so viele Leute kennengelernt habe. Ich habe viel genetzwerkt, das war schon immer meine Stärke, und dadurch ist die tuuwi in vielerlei Richtung bekannt geworden und ich habe durch die vielen Kontakte meine Arbeit nach dem Studium gefunden beim ENS. Dann habe ich ständig Leute, mit denen ich im tuuwi-Kontext zu tun hatte, wieder getroffen. Das ist ja bis heute so.

Es ist ganz witzig, neulich habe ich mich mit einem unterhalten, der im Umfeld des StuRa unterwegs war und zu mir meinte „seitdem ich die tuuwi kennengelernt habe, verstehe ich auch dich viel besser.“ Weil es halt eine ganz andere Form von Organisation ist.

Ellen: Beeinflusst deine Zeit bei der tuuwi deine Arbeit in der Politik, im Landtag?
Antonia: Ja. Ich bin ja immer noch politisch geprägt von dieser Zeit. Auch von dem „Ökologismus“ sage ich mal jetzt, das ist für mich immer noch die Top-Priorität. Wenn mich jemand fragen würde „Für welche Interesse sind Sie eigentlich hier im Landtag?“ Würde ich immer sagen „Im Interesse der Mutter Erde.“ Die tuuwi hat damals einfach geholfen, diese Herzensangelegenheiten kanalisieren zu können.

Klara: Was würdest du uns als Aktive gern mitgeben oder sagen?
Antonia: Ich wünsche euch einfach viel Erfolg. Ich bin wirklich gespannt und freue mich, wenn die tuuwi weiter lebt und liebt und versucht die Welt zu verändern. Und wenn ihr dafür immer wieder Zeit und Engagement findet, freue ich mich so, dass auch neue Leute kommen und damit halt einfach auch dieser Aktivismus an der Uni, der unbedingt nötig ist, aufrechterhalten bleibt und immer wieder neues Feuer kriegt.

Wenn ihr euch noch was wünscht von mir, dann wünsche ich euch natürlich euer Profil dann vielleicht auch noch mal zu schärfen oder den Mut zu haben, zu sagen „Wir hauen einfach mal auf die Kacke!“ Mut kommt vom Herzen.

Antonia heute

Doch noch weiter interessiert? Dann folgt jetzt das vollständige Interview.

Von 10/2019 bis 10/2024 saß Antonia Mertsching für Fraktion DIE LINKE.Sachsen im Sächsischen Landtag.

Klara: Von wann bis wann warst du so ungefähr aktiv?

Antonia: Von 2010 bis 2013, drei Jahre. Es hat angefangen… ich war selber mal in einer Umweltringvorlesung und dann habe ich gehört, dass man die auch selber organisieren kann. Und weil mein Lieblingsthema ja Politik des Essens ist, also Landwirtschaft, Ernährung, Ernährungssouveränität und so einen Kram (das war schon immer mein Herz- und Magen-Thema) wollte ich unbedingt so eine Umweltringvorlesung organisieren. Dann habe ich erst das gemacht, das war quasi auch eine Nebenjob-Frage, und darüber bin ich dann zur tuuwi gekommen. Dann habe ich angefangen, mich mehr zu engagieren und dann war ich eine ganze Zeit lang die Geschäftsführerin.

Klara: Kannst du sagen, was da deine Aufgaben waren? Weil wir kennen es gar nicht mehr, weil es bei uns keine Geschäftsführung mehr gibt.

Antonia: Ich weiß auch nicht mehr richtig, ob die gewählt worden ist oder wie auch immer, aber wir hatten damals jemand in der tuuwi, der in der Theorie die Geschäftsführung gemacht hat. Das heißt jemand, der diese ganzen Projekte koordiniert hat. Weil wir hatten ja Unisolar, die AG Garten, Mensa Universale und was weiß ich nicht alles. Und diese ganzen Arbeitsgruppen zu koordinieren und E-Mails zu beantworten, mit der Umwelttante in der TU zu sprechen, in der Kommission Umwelt sitzen, deren Vorsitz die Professorin Günther hatte … es brauchte jemanden innerhalb der tuuwi, der sozusagen diese Repräsentanz auch gemacht hat. Also Innen- und Außenpolitik, würde ich jetzt mal sagen. Und das war die Geschäftsführung; das habe ich eine Weile gemacht. Die Koordination für die Umweltringvorlesung war noch mal extra, weil das war glaube ich auch bezahlt. Genau… Na, aber da würde mich ja mal interessieren, wie sich die tuuwi heute so organisiert 🙂 Und ihr sitzt immer noch in der StuRa-Baracke?

Ellen: Ja, genau, aber das Gebäude soll irgendwann abgerissen werden.

Antonia: Ja, also das sollte damals schon abgerissen werden.

Ellen: Ich finde, es hat schon so einen Charme.

Antonia: Ja, wie der Fußboden immer knarrtscht.

Ellen: Wie groß war die tuuwi damals? Wie viele Leute wart ihr?

Antonia: Zehn, 15 Leute. Also, ich kann es nicht mehr so richtig sagen, es hat ja auch immer gewechselt. Es gab einen harten Kern. In der Hoch-Zeit, an die ich mich ja so erinnere, die für mich auch so prägend war – Martin, Sarah, Carsten, Bodo, Julia, Pia, Marco … da haben wir sehr viel gerockt in der Zeit.

Klara: Wie habt ihr miteinander kommuniziert? Wir machen alles über den Telegram-messenger-Dienst.

Antonia: Das war ja damals noch nicht so. Na, wir haben uns getroffen. Jede Woche hatten wir ein tuuwi Treffen, ich glaube immer donnerstags und da wurden halt die Sachen besprochen. Ansonsten per E-Mail kommuniziert.

Klara: Und hätte man auch an das tuuwi-Büro klopfen können und dich dort vorfinden können?

Antonia: Ja, ich war schon immer mal da, aber ich war jetzt nicht so diejenige, die das Büro besetzt. Da bin ich nicht der Typ dafür. Aber wir haben da auch schon viel rumgehangen. Es gab nicht nur das Plenum, sondern auch andere Treffen. Es war schon immer jemand da.

Klara: Wie würdest du die Stimmung in der Gruppe beschreiben?

Antonia: Also bei uns war die Stimmung super. Es wird da bis heute ja noch drüber gescherzt. Wir haben gemeinsame Klausuren gemacht, zum Beispiel mal einen Samstag irgendwo getroffen, um Sachen zu planen und da gab es immer so lustige Spiele. Zum Beispiel ein Adjektiv mit dem selben Anfangsbuchstaben vom Namen finden, um sich selbst zu beschreiben, damit man sich die Namen merken kann. Da hab ich gesagt „die totalitäre Toni“. Das war im Prinzip auch dr Humor in der tuuwi. Es hat so gut zusammengepasst, weil ich habe die Geschäfte geführt und habe gesagt wir machen das und das und das und die anderen haben alle mitgezogen. Das wurde ein bisschen durch den Kakao gezogen, dass ich dort so eine “diktatorische” Art hatte, die Sachen durchzusetzen oder rumzubringen, aber es war halt jeder mit seinen Talenten irgendwie vertreten.

Wir waren eine gut organisierte Truppe. Die einen, die irgendwie gerne Texte geschrieben haben, die anderen, die gerne halt so die Finanzen gemacht haben, die anderen, die organisiert haben und andere, die viel technisches Know-how hatten für Homepage und Hintergrundarbeit. Da haben wir uns einfach alle gut ergänzt.

Das war auch das Coole bei uns in der Zeit, das hat so gut zusammengepasst von den Leuten her; worauf sie Lust hatten und was sie konnten. Wir waren eine coole Truppe, die gut zusammengearbeitet hat.

Ellen: Gab es da irgendwie so bestimmte Debatten, die so prägend waren irgendwie in der Zeit oder gab es irgendwelche Themen, die einfach immer wieder aufgekommen sind?

Antonia: Daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, in der Zeit war gerade die AG Mensa Universale ziemlich aktiv, die sich viel für veganes und vegetarisches Essen eingesetzt haben.

Das war ja schon die zweite oder dritte Generation, die sich dafür engagiert hat.

Da gab es das erste Mal so eine ganze Woche am Campus, wo es nur veganes Essen gab. Da war auch Starkoch Attila Hildmann, der dann später Ultra-Querdenker war und so. Aber der war damals als oder ist ja als veganer Koch bekannt und war eine Woche bei uns in der Mensa Bergstraße, hat den Essensplan zusammengestellt und mit uns zusammengearbeitet….

Ich würde mal kurz von den Projekten erzählen, weil darum drehte sich alles. Da war die AG UniSolar, die versucht hat Solar Anlagen zu bauen oder Flächen für Solar zu finden. Die hatten gerade das erste Projekt an Land gezogen. Dann war der Umweltleitfaden – Ulf – in der ersten und zweiten Auflage. Da war wirklich eine lange Diskussion, ob man eine zweite Auflage machen und wie die dann laufen soll. Dann hatten wir die Hochschultage für ökologische und soziale Marktwirtschaft in der Zeit ins Leben gerufen. Wir haben zwei, drei, viermal Bildungsveranstaltungen gemacht. Immer an einem Wochenende; Freitag und Samstag mit Essen und Vorträgen – wie eine Tagung. Bildungsarbeit, klassisch. Für die Studis bei uns an der Uni zu unseren ökologischen Themen. Das kam durch dieses Forum ökologisch soziale Marktwirtschaft das „FÖS“. Weil einer, der dort angefangen hat zu arbeiten, der war vorher in der tuuwi. Dadurch kam diese Verbandelung. Gegen Ende meiner Zeit gab es dann auch noch die AG Garten. Da wurde der tuuwi Garten gegründet. In der Zeit ist das Umundu Festival immer stärker ins Laufen gekommen, da haben wir uns eingebracht. Also es war eigentlich immer sehr viel los.

Wir haben jedes Jahr den Umwelttag gemacht, Anfang Juni. Immer zu einem Thema dann mit Ines Herr etwas veranstaltet. Der größte Coup war dann Essen in der Mensa. Wir wollten eigentlich, dass die Regularien in der Mensa verändert werden. Dass grundständig immer ein veganes Gericht angeboten wird und mehr vegetarisch und weniger Fleisch. Da hatten wir eine Sitzung beim Rektor, Müller-Steinhagen, da durfte ich mit der Professorin Günther dort hingehen und dann bin ich da voll ins kalte Wasser geschmissen worden: „Stellen sie mal kurz ihre Idee vor, sie haben eine Minute Zeit.“ Da habe ich das so gesagt: „Ja, wir wollen, dass weniger Fleisch und mehr vegetarisch und vegan gegessen wird. Und wenn man das Angebot verändert, dann wird schon die Nachfrage mitziehen und soweiter.“

Dann haben die das dort alle abgewatscht und ich bin frustriert dort raus und dachte „Fuck, Scheiße“.

Zwei Tage später hatte der damalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich in die Kunsthochschule eingeladen. Da waren alle zivilgesellschaftlichen Akteure aus Dresden. Jedenfalls war der Rektor dort und mich hat das nicht losgelassen, ich hatte irgendwie so eine komische Laune an dem Abend und dann bin ich zu ihm hin und hab gesagt: „Wir müssen noch mal darüber reden! Ich hab das Gefühl, es ist irgendwie alles nicht so richtig rübergekommen und…“ „Doch, doch, wir haben sie schon verstanden, aber man kann das nicht mit so Zwang machen, wir müssen das über Commitment machen. Lassen Sie uns doch eine Kampagne machen für mehr vegetarisches Essen und ich mach mit!“ und ich so „Okay, alles klar!“ Dann habe ich an dem Abend noch Juli angerufen „Juli, der Direktor hat gesagt er macht eine Kampagne! Du musst das Organisieren!“. Und ich weiß, die hatte dann eine übelste Arbeit damit.

Ich war schon auf dem Sprung, weil ich von der Uni weg bin und angefangen habe zu arbeiten. Dann war das für mich irgendwie klar, das ist jetzt vorbei, und dass man dann nicht mehr Studi ist und dann nicht mehr mit den Studis abhängt. Das war mein letztes Geschenk mit zwei Seiten. Auf der einen Seite „cool“ auf der anderen „viel Spaß mit der Arbeit“.

Ellen: Hattest du zu deiner Zeit das Gefühl, dass ihr auf offene Ohren getroffen seid?

Antonia: Damals war es ja noch schlimmer als heute. Heute gibt es ja wenigstens so ein Bewusstsein dafür, dank Fridays for Future, dass sich die Klima-Diskurse so verändert haben. Aber damals?

Klara: Wer waren so eure Gegenplayer?

Antonia: Das war halt nicht so… naja, obwohl einmal haben wir ein vegetarisches Grillen gemacht und dann gab es ein „Protest-Grillen“ von irgend so einer anderen Hochschulgruppe von irgendwelchen dudes. Die hatten sich dann extra Würstchen gegrillt. Das waren so die Spielereien untereinander. Ansonsten war es eher Desinteresse.

Klar, Frau Professor Günter hat sich immer gefreut und hat immer unterstützt, was wir gemacht haben. Sie hat uns auch blind vertraut in dem, was wir gemacht haben. Das fand ich schon cool.

Also wenn man das heute mal so rückblickend betrachtet, dann hat man, glaube ich, nicht so oft von jemanden einen Freifahrtschein, Dinge so zu machen.

In der Zeit wurde auch der Zuspruch für die Umweltringvorlesungen immer besser, die Hochschultage für öko-soziale- Marktwirtschaft waren gut besucht

und es gab zwar immer noch die Leute, die sich darüber lustig gemacht haben, bei denen du automatisch als „Ökospinner“ abgeschrieben warst, aber wir haben uns als Gruppe gegenseitig so guten Halt und Selbstverständnis in der Welt gegeben

– „Wir sind doch hier ganz normale Leute, die es nur etwas anders machen wollen“ – und dadurch haben wir uns davon nicht viel beeindrucken lassen.

Klara: Wo du gerade das Selbstverständnis ansprichst, wie hattet ihr euch damals als Gruppe definiert?

Antonia: Na, wir waren halt tuuwis. Das hat man damals schon gemerkt oder gewusst, dass es ein historischer Verein ist. Die Leute, die ich dann noch kennengelernt habe, waren ja zum Teil ihr ganzes Studium in der tuuwi organisiert, bestimmt so fünf Jahre. Zu denen gab es übergreifenden Kontakt und manche sind ja bis heute befreundet. Und wenn du dann daran denkst, Milana Müller vom Umweltbildungshaus Johannishöhe in Tharant, die gehört ja mit zu den Gründungsmitgliedern der tuuwi, die kannte ich dann auch schon… Also man fühlt sich als Teil dieser tuuwi-Gemeinschaft. Ganz am Anfang, wo ich dazu kam, gab es noch den Sensen-Tag. Das ging über die Grüne Liga Dresden und den Andreas Wehner. Es gab immer so Verbandelungen überall hin.

Irgendwann war es so, dass man sich als Teil der tuuwi gefühlt hat. Dieser große Pilz, der immer wieder irgendwo so seine Früchte über das unsichtbare Netz ausschickt.

Klara: Und dann auch nicht nur am Campus, sondern darüber hinaus in die Stadt.

Antonia: Mit dem Umundu-Festival in der Neustadt, sind in der Zeit ja auch neue Akteure entstanden und es gab immer mehr Nachhaltigkeitsinitiativen und Aktionen in Dresden. Da waren wir halt auch eine feste Säule in diesen ganzen Entwicklungen.

Ellen: Die tuuwi ist ja eine studentische Gruppe, aber habt ihr auch versucht Menschen außerhalb der Uni zu erreichen oder war das gar nicht Thema?

Antonia: Ne, der Campus war der Raum. Also im Rahmen des Umundu-Festivals haben wir Veranstaltungen organisiert oder angeboten und somit natürlich auch außerhalb Leute erreicht.

Aber ne, unser Aktionsradius war ja schon der Campus und der Campus ist eh schon groß genug, dass man gar nicht fertig wird mit Engagement.

Ellen: Hat die Zeit bei der tuuwi dich geprägt? Und wenn ja, wie?

Antonia: In jedem Fall. Ich habe 2004 angefangen zu studieren und mich nach einiger Zeit bei Konsum-global engagiert. Da habe ich angefangen, konsumkritische Stadtführungen durch die Dresdner Altstadt zu geben. Dann habe ich bei der tuuwi angefangen, erst mit den Vorlesungen und dann generell mit dem Engagement.

Und da ist die tuuwi mein Zuhause geworden. Da habe ich meine Freunde gefunden.

Für mich war das Problem, dass ich in Dresden geblieben bin und alle meine Freunde innerhalb von zwei Jahren irgendwie verloren habe. Da musste ich mir ein neues Leben in Dresden aufbauen. Das hat dann viel mit den Leuten in diesem politischen Engagement Kontext zusammengehangen. Das war schon eine coole Zeit.

Das hat mich sehr geprägt, wie man sich engagiert, politisiert und wie man sich als Gruppe selbst organisiert.

Ich habe viel gelernt über Gruppenprozesse. Ich weiß nicht, ob ich das irgendwie verkläre, aber wir hatten einen ziemlichen Flow.

Es hat mir auch dahingehend geholfen, dass ich so viele Leute kennengelernt habe. Ich habe viel genetzwerkt, das war schon immer meine Stärke, und dadurch ist die tuuwi in vielerlei Richtung bekannt geworden und ich habe durch die vielen Kontakte meine Arbeit nach dem Studium gefunden beim ENS. Dann habe ich ständig Leute, mit denen ich im tuuwi-Kontext zu tun hatte, wieder getroffen. Das ist ja bis heute so.

Man trifft die Leute dann einfach wieder und wenn du heute siehst, wo jeder ist. Pia, die bei der tuuwi war, ist heute Stadträtin in Dresden und arbeitet auch bei uns in der Fraktion. Frank Kutzner, der bei der tuuwi war, ist heute der Vorsitzende vom Fuß e.V. in Sachsen, also beim Landesverband für Fußverkehr. Juli Mertens, die „dein Hof“ managed, diese SoLaWi in Radebeul. Die Leute sind irgendwo gelandet und machen immer noch coole Sachen und zum Teil haben wir auch noch miteinander zu tun.

Es ist ganz witzig, neulich habe ich mich mit einem unterhalten, der im Umfeld des StuRa unterwegs war und zu mir meinte „seitdem ich die tuuwi kennengelernt habe, verstehe ich auch dich viel besser.“ Weil es halt eine ganz andere Form von Organisation ist.

Natürlich ist sie kleiner als so eine Partei. Ein Unterschied ist, bei einer Gruppe, wie der tuuwi, gehen alle hin, weil sie dieselbe Idee oder dasselbe Ziel haben. Alle sind irgendwie ökologisch interessiert. Es gab auch Konflikte mit Personen, das man nicht so gut miteinander klargekommen ist oder Gruppenprozesse dann irgendwie ständig torpediert oder gestört worden sind. Aber da war irgendwie immer so ganz klar, wo jetzt die Problemquelle liegt. Dann haben wir das auch versucht, irgendwie in der Gruppe zu lösen. Aber in so einer Partei, das ist wie in einer Minigesellschaft und der Umgang untereinander ist halt schon manchmal sehr schwierig. Manchmal denke ich „Ihr tragt ‚Solidarität’ vor euch her und dann könnt ihr nicht einmal freundlich miteinander reden“. Das gab es bei uns in der tuuwi oder bei Konsum global einfach nicht. Es war immer ein wertschätzender Umgang miteinander. Beim ENS später habe ich noch viel mehr über gute Zusammenarbeit gelernt. Also von daher, hat mich das schon stark geprägt in dem, wie ich mir vorstelle, dass man miteinander arbeitet bzw. wie nicht.

Ellen: Wir haben festgestellt, dass es nicht so leicht ist Konflikte in der tuuwi zu haben. Die meisten vermeiden sie gern und kommen einfach nicht wieder, wenn sie einen Konflikt haben. Gab es damals Konflikte in der tuuwi und wie seid ihr damit umgegangen?

Antonia: Na, ich meine das hatten wir auch. Es waren immer offene Sitzungen, es konnte ja jeder kommen. Ich weiß genau, manche Leute sind mit der Art, die ich dort an Tag gelegt habe, nicht klar gekommen. Die kamen halt einmal, dann sind die wieder gegangen und andere sind halt deswegen wiedergekommen.

Wir bemühen uns dann immer alle mitzunehmen und zu integrieren, aber wenn es die Bereitschaft auf der anderen Seite nicht gibt auch mal einen Meter dazu zu gehen oder bestimmte Sachen zu unterlassen oder sich konstruktiver einzubringen oder verlässlicher zu sein oder was auch immer.

Da muss man halt auch irgendwann mal sagen „So geht das nicht weiter. Das stört die Gruppe. Es kostet uns zu viel Energie, wir können uns nicht auf die Arbeit konzentrieren. Bitte such dir eine andere Gruppe oder so was.“

Aber ich weiß auch, dass das hart ist.

Ellen: Beeinflusst deine Zeit bei der tuuwi deine Arbeit in der Politik, im Landtag?

Antonia: Ja. Ich bin ja immer noch politisch geprägt von dieser Zeit. Auch von dem „Ökologismus“ sage ich mal jetzt, das ist für mich immer noch die Top-Priorität. Wenn mich jemand fragen würde „Für welche Interesse sind Sie eigentlich hier im Landtag?“ Würde ich immer sagen „Im Interesse der Mutter Erde.“

Die tuuwi hat damals einfach geholfen, diese Herzensangelegenheiten kanalisieren zu können.

Ich habe das Glück, dass irgendwie alle Leute, die ich dann durch die tuuwi und danach kennengelernt habe, die treffe ich heute wieder. Und dann kenne ich halt manchmal im Ministerium irgendwelche Leute, weil ich die halt von früher kenne. Oder irgendwelche Bundestagsabgeordneten. Dann denke ich „Ah, den kennst du noch von dann und dann.“ Dann hat man es einfacher da mal anzurufen und zu sagen „Thema XY, kannst du dich da mal bitte drum kümmern?“ „Ja. Ja, mach ich. Ist okay, alles klar.“ Das ist halt ein Türöffner, die tuuwi und die Leute, die sich da engagiert haben und die dann irgendwo hier oder woanders was geworden sind und mit denen man dann noch Kontakt hat. Dadurch, dass man mal bei der tuuwi war oder … weil die tuuwi hat so einen speziellen Ruf unter den Leuten, die man halt so kennt.

Dann ist es gleich „Ah, du warst bei der tuuwi?“ das ist wie eine kleine Auszeichnung, die man am Revers trägt. Wie ein kleiner Geheimbund.

„Ah, wir gehören also zusammen.“

Das kriegt man wahrscheinlich nicht währenddessen mit und das muss nicht für alle so sein. Für mich war das halt so. Das hat vielleicht auch was damit zu tun, dass ich so eine Netzwerkerin bin. Für andere spielt das vielleicht gar nicht so eine Rolle, die jetzt schon zehn Jahre im selben Beruf irgendwie arbeiten. Aus meiner Perspektive sind da schon ein paar Bekannte aus der tuuwi, die auch heute noch sehr politisch engagiert und noch präsent sind. Das ist schon ein Schatz.

Wer sich in Dresden irgendwie ökologisch engagiert hat, ist an der tuuwi nicht vorbeigekommen. Entweder, weil er in der tuuwi war oder halt über die Arbeit, die die tuuwi gemacht hat.

Ich glaube Thema „Umweltengagement in Dresden“ ist die tuuwi schon so „the place to be“.

Also klar, BUND und NABU spielen da natürlich auch irgendwie eine Rolle. Aber aus meiner Wahrnehmung heraus, war die tuuwi schon immer so eine Hausnummer.

Klara: Was würdest du uns als Aktive gern mitgeben oder sagen?

Antonia: Also, wenn ich höre, dass es immer noch dieselben Konflikte wie damals gibt, dann würde ich euch wünschen, dass ihr die mal final löst.

Ansonsten…Ich wünsche euch einfach viel Erfolg. Ich bin wirklich gespannt und freue mich, wenn die tuuwi weiter lebt und liebt und versucht die Welt zu verändern. Und wenn ihr dafür immer wieder Zeit und Engagement findet, freue ich mich so, dass auch neue Leute kommen und damit halt einfach auch dieser Aktivismus an der Uni, der unbedingt nötig ist, aufrechterhalten bleibt und immer wieder neues Feuer kriegt.

Wenn ihr euch noch was wünscht von mir, dann wünsche ich euch natürlich euer Profil dann vielleicht auch noch mal zu schärfen oder den Mut zu haben, zu sagen „Wir hauen einfach mal auf die Kacke!“

Mut kommt vom Herzen.

Das Interview wurde am 23.02.24 im Büro Antonia Mertsching im Sächsischen Landtag durch Ellen Papan und Klara-Johanna Fabisch geführt. Der vorliegende Text wurde basierend auf dem Audiotranskript des Interviews ebenfalls von Klara und nochmal Jenny editiert und für eine bessere Lesbarkeit angepasst und gekürzt.