Lust auf Perspektiven einer Zeitzeugin und Gründungsmitglied? Professorin Petra Kemter-Hofmann erzählt, was es bedeutete, sich in der DDR/ Wendezeit für die Umwelt einzusetzen und wie sie die Gründung der tuuwi wahrnahm: Das spannende Interview in Kurz- und Langversion vom 31.01.2024 gibt es hier:
Rebellion durch Umweltschutz – was der Einsatz für die Umwelt in der DDR bedeutete
Ein Interviewauszug mit Gründungsmitglied Petra:
Jenny: Und wie bist du zur damaligen IG Lebensweise und Umwelterziehung gekommen?
Petra: … bei mir hat es eher noch einen persönlichen Betroffenheitshintergrund, weil ich hatte in einer Kohlenmonoxid gesperrten Wohnung gewohnt und keiner hat mir geholfen. Mir hat ein damaliger Vorgesetzter gesagt “dann halten sie sich einen Kanarien-Vogel, wenn der von der Stange fällt, müssen sie aus der Wohnung raus”. Und das war für mich an Menschenverachtung nicht mehr zu überbieten. …
Jenny: Wie hast du damals das Thema Umwelt wahrgenommen?
Petra: Schwierig. … [Es gab] aus meiner Sicht schon ein Stückchen Furcht. So wie heute mit dem Plakat offen durch die Straßen zu ziehen und zu sagen “Ich will…!”, wäre nicht möglich gewesen. …
Jenny: Und generell die Organisation an sich zu der Zeit, wie lief das so ab?
Petra: Da gab es regelmäßige Treffen. Wenn ich mich recht entsinne, war das einmal im Monat und wir haben dann auch Aktionen geplant. Das hieß, wir machen jetzt eine Pflanzaktion oder eine Entmüllungsaktion am Kaitzbach. Und dann haben wir uns Samstagfrüh alle mit eigener Hacke und Spaten getroffen. …
Jenny: Noch bezüglich der Inhalte, die ihr hattet. Kannst du dich noch so an Debatten erinnern, die ihr geführt habt?
Petra: Naja, also ganz verschiedene, weil wir immer Unterschiedliche waren. … Also muss ich ganz ehrlich sagen, ich kann nicht für alle sprechen, aber wir waren nicht gleich dabei zu sagen “wir stürzen die DDR”. Das war auch nicht Anlass, sondern wir wollten es einfach anders machen. Wir wollten die Themen ein Stückchen anders ins Rampenlicht rücken, damit man einfach gesund aufwächst. So, und wenn das im Großen nicht ging, dann wenigstens im Regionalen und dann eben noch mal im Subregionalen … Es war alles in einem sehr gemäßigt konservativ-bürgerlichem Level. Wir sahen zwar anders aus mit unseren Gummistiefeln und so, aber es gab so eine gewisse Grenze, die man dort, wahrscheinlich bewusst, nicht überschritten hat.
Jenny: Ich glaube auch Protest damals war nochmal in einem anderen Rahmen als Protest heute.
Petra: Einfach, weil du manche Dinge einfach nicht machen konntest. Und da war die Frage: “Riskierst du mit einer Aktion irgendwie eine viel, viel stärkere Kette nach hinten, dass manches überhaupt nicht mehr möglich ist? Oder gehst du sozusagen mit kleinen Schritten voran?“
Jenny: Und wie würdest du die Gruppe und Stimmung untereinander beschreiben?
Petra: … Wir waren ein sehr heterogenes Team, quasi Psychologen, Architekten; Wasserleute waren auch dabei. Von Doktoranden bis hin zu wissenschaftlichen Mitarbeitern oder auch Studierende. Wir hatten eigentlich alle ein Interesse, was da hieß “Na, so kann es nicht weitergehen”.
Wir hatten eigentlich auch einen ganz guten Zusammenhalt in der Gruppe. Das war dann aber ein bisschen schwieriger, weil man natürlich sich auch fragen musste: durften wir alle so offen oder war da jemand dabei, der dann doch irgendwie “mitgeguckt” hat… ich hatte auch Einige in schwerem Verdacht gehabt – was sich dann auch bestätigt hatte, weil ich meine Akten eingesehen hab. … Aber ich habe es nie als ein offenes Misstrauen erlebt, muss ich mal sagen.
Jenny: Wie guckst du heute auf die Zeit damals?
Petra: Also ich kann jetzt die jungen Leute schon nachvollziehen. Ich meine, ob ich mich hinkleben würde, weiß ich nicht, aber ich kann das Mindset dahinter gut verstehen. Wir sind damals auch mit irgendwelchen Veränderungen, Verbesserungen gegen eine Mauer gerannt …
Jenny: Ja, und bezüglich der Netzwerke: Wie hat man sich damals so vernetzt? Also so schnell wie heute mit Messengerdienste und Co. ging es ja nicht.
Petra: Da gab es dann solche netten Blätter und das hast du dann gekriegt und dann ging das alles in Kopie, wo auch immer “Sehr geehrter Herr Staatsratsvorsitzender” drauf stand. Dann gibt es aber eben auch ganz einfache handgeschriebene Briefe, wo dann drunter stand “Viel Spaß beim Entziffern”. Dann musstest du halt warten. Es dauerte alles viel, viel länger. Telefon hatten die wenigsten, dann hat man sich teilweise persönlich getroffen. Es gab so was wie Stille Post in dem Bereich und das ist gut gelaufen. Ja, also das ist kein Vergleich mit jetzt.
Jenny: Wenn du jetzt noch mal auf genau diese Zeit so zurück guckst: Wie hat dich diese Zeit bis heute geprägt?
Petra: In meinem Garten gibts weder Insektizide noch sonst was, also dieses Naturverbundene in einem sehr kleinen Maß, das habe ich schon noch. Das andere ist, ich habe Verständnis für die jungen Leute. Ich erkenne mich in so einem extremen Levelunterschied – wir haben unterschiedliche Staaten, Gott sei Dank – wieder.
Jenny: Was würdest du denn heute so Aktiven, die in der tuuwi sind, so mitgeben oder noch sagen?
Petra: Also ich würde allen den Rat geben: “Erklärt euren Protest!”. Die Chance hatten wir damals nicht. Ich glaube, weil wir glücklicherweise eine andere Staatsform haben, kann man, in einem größeren Umfang, als es augenblicklich passiert, Protest erklären. … Das heißt bei euch mehr Kommunikation und nicht unbedingt mit der Erwartung “alle lieben die Umwelt”. Nutzt die Präsenz des Themas Umwelt, auch weil man nicht weiß, was noch, um Himmelswillen, in den nächsten Wahlen passiert. Nutzt das, um Pflöcke einzurammen. Die wieder raus zu buddeln wird schwieriger, als dass man sagt, das ist eh eine grüne Wiese, da gehn wir mal drüber.

Petra heute
Doch noch weiter interessiert? Dann folgt jetzt das vollständige Interview.
Jenny: Ich fange ganz locker flockig an: Vielleicht kannst du dich nochmal kurz vorstellen, wer du jetzt gerade bist und was du eigentlich so mit der TUUWI im weitesten Sinne zu tun hast.
Petra: Ja, mein Name ist Petra Kemter-Hofmann. Ich bin Psychologin und 1987/88 – ich kann es gar nicht mehr genau sagen – über die IG Lebensweise im Kulturbund mit Professor Peter Richter zum Thema Umwelt gekommen. Wir waren sozusagen, eine Interessengemeinschaft, die in der Renaturierung am Kaitzbach unterwegs war. Wir haben uns regelmäßig getroffen und so war das eigentlich die Andockstelle an die spätere TUUWI. Die gab es da in dem Maße noch nicht.
Jenny: Und wie bist du zur damaligen IG Lebensweise und Umwelterziehung gekommen?
Petra: Umwelt war natürlich ein Thema, gerade in der ehemaligen DDR und gerade in Dresden. Und das Projekt Kaitzbach war durch die Nähe einerseits an der Uni, aber eben auch durch Professor, damals noch Dr. Richter, getragen, der mein Doktorvater war. Und bei mir hat es eher noch einen persönlichen Betroffenheitshintergrund, weil ich hatte in einer Kohlenmonoxid gesperrten Wohnung gewohnt und keiner hat mir geholfen. Mir hat ein damaliger Vorgesetzter gesagt “dann halten sie sich einen Kanarien-Vogel, wenn der von der Stange fällt, müssen sie aus der Wohnung raus”. Und das war für mich an Menschenverachtung nicht mehr zu überbieten. Also einerseits ein wirkliches Interesse am Thema, aber andererseits war der letzte Schritt echt eine persönliche Betroffenheit. Und es war ja gerade dann 1989 diese kritische Zeit und gab ja viel im Bereich Umwelt; das wollte man auch ein Stückchen unterstützen. Immer sehr kritisch beäugt, aber es war vieles möglich. Also so waren meine ersten Schritte. Und das war so eine Verzahnung von verschiedenen Dingen.
Jenny: Spannend, du hattest ja schon gesagt, das alles war ja noch zu DDR-Zeiten. Wie hast du damals das Thema Umwelt wahrgenommen?
Petra: Schwierig. Zwar ist ein stärkeres Umweltbewusstsein entstanden, gerade in kirchlichen Gruppen. Und auch wenn man hier gelebt hat; also ich habe Schäferstraße gewohnt, Kraftwerk Mitte – Wäsche raushängen war nicht. Da gab es einfach eine Betroffenheit zu dem Thema. Und gleichzeitig gabs aus meiner Sicht schon ein Stückchen Furcht.
So wie heute mit dem Plakat offen durch die Straßen zu ziehen und zu sagen “Ich will…!”, wäre nicht möglich gewesen.
Man hat dann halt probiert, Mittel und Wege zu suchen und da war der Kulturbund und deswegen ist auch diese Interessensgemeinschaft dort entstanden, aber das ist nur meine Wahrnehmung. Das war so eine Art Nische neben den kirchlichen Gruppen, wo man – aus meiner Sicht – noch was bewegen konnte und nicht nur einfach wie das Karnickel vor der Schlange saß.
Jenny: Und generell die Organisation an sich zu der Zeit, wie lief das so ab?
Petra: Da gab es regelmäßige Treffen. Wenn ich mich recht entsinne, war das einmal im Monat und wir haben dann auch Aktionen geplant. Das hieß, wir machen jetzt eine Pflanzaktion oder eine Entmüllungsaktion am Kaitzbach. Und dann haben wir uns Samstagfrüh alle mit eigener Hacke und Spaten getroffen. Wir sind alle auch in Eigenversorgung dahin gegangen, haben das dann gemacht und haben geguckt, was passiert. Die Gruppe hatte einen festen Kern; Dr. Richter war das und es war noch jemand vom Kulturbund, die sozusagen den formalen Rahmen hatte. Und das war auch unser Schutz ringsum die Gruppe. Das inhaltliche, das haben wir völlig autark bestimmt, da waren wir völlig frei.
Jenny: Noch bezüglich der Inhalte, die ihr hattet. Kannst du dich noch so an Debatten erinnern, die es so geführt habt? Auch innerhalb der Gruppe? So welches Thema hat euch da immer wieder so bewegt und nicht bewegt?
Petra: Naja, also ganz, ganz verschiedene, weil wir immer Unterschiedliche waren. Natürlich ging es immer um Politik im großen Stil. Das hatten wir auch. Das war das eine. Aber so von den Themen war sicherlich so Renaturierung, Aufforstung und wer Dresden kennt, und in Dresden gelebt hat, kennt die Dresdner Luft-Problematik. Also eher so in Richtung Luft und Wasser gedacht, wenn es um reine Umweltthemen geht. Deswegen auch Kaitzbach-Aufforstung mit diesen Silizium-Ecken und dem alten Wismutbergbau. Das war auch spannend, weil ich komme aus dem Erzgebirge, das heißt klassische Wismut-Ecke. Also ich war mit dem von frühester Kindheit an in Berührung. Und dann sagen wir mal, die gesamtpolitische Wetterlage: Was kann man wirklich machen, wo könnte man auch mal mehr als “ich forste auf” machen? Also muss ich ganz ehrlich sagen, ich kann nicht für alle sprechen, aber wir waren nicht gleich dabei zu sagen “wir stürzen die DDR”. Das war auch nicht Anlass, sondern wir wollten es einfach anders machen. Wir wollten die Themen ein Stückchen anders ins Rampenlicht rücken, damit man einfach gesund aufwächst. So, und wenn das im Großen nicht ging, dann wenigstens im Regionalen und dann eben noch mal im Subregionalen. Darüber ist natürlich diskutiert worden. Und die Frage “Wie komme ich aus meiner Mini-Regionalität raus?” und “Wie baue ich Kontakt auf?”. Wir brauchen den Austausch, ansonsten schmoren wir pausenlos im eigenen Saft. Naja, und Lebensweise natürlich – “Wie kann ich gesund leben?” Also das, was die Psychos immer umtreibt. “Wann macht das auch krank?” – Das war ja auch was, was verpönt war. Aber es war nicht so, dass wir – also jedenfalls nicht unsere kleine Gruppe – über den Zellischen Weg marschiert wäre. Das nicht. Es war alles in einem sehr gemäßigt konservativ-bürgerlichem Level. Sagen wir mal, wir sahen zwar anders aus mit unseren Gummistiefeln und so, aber es gab so eine gewisse Grenze. Die man dort, wahrscheinlich bewusst, nicht überschritten hat.
Jenny: Ich glaube auch Protest damals war nochmal in einem anderen Rahmen als Protest heute.
Petra: Einfach, weil du manche Dinge einfach nicht machen konntest. Und da war die Frage: “Riskierst du mit einer Aktion irgendwie eine viel, viel stärkere Kette nach hinten, dass manches überhaupt nicht mehr möglich ist?”. Oder gehst du sozusagen mit kleinen Schritten voran? Na, da wissen wir ja, Anfang 20 ist man noch so ein bisschen ungestüm in unseren Ideen. Was geht und was geht nicht. Und das glaube ich, hat der Gruppe sehr geholfen, auch zu sagen “Da haltet euch mal zurück und was wir intern besprechen, bleibt intern”. Das war glaube ich ganz gut.
Jenny: Und wie würdest du so die Gruppe sonst noch so beschreiben? Also wie war die Stimmung untereinander?
Petra: Eigentlich fand ich das ziemlich cool, weil wir unterschiedlich waren. Wir waren ein sehr heterogenes Team, quasi Psychologen, Architekten; Wasserleute waren auch dabei. Von Doktoranden bis hin zu wissenschaftlichen Mitarbeitern oder auch Studierende.
Wir hatten eigentlich alle ein Interesse, was da hieß “Na, so kann es nicht weitergehen”.
Wir hatten eigentlich auch einen ganz guten Zusammenhalt in der Gruppe. Das war dann aber ein bisschen schwieriger, weil man natürlich sich auch fragen musste: durften wir alle so offen oder war da jemand dabei, der dann doch irgendwie “mitgeguckt” hat und und. Aber ich habe es nie als ein offenes Misstrauen erlebt, muss ich mal sagen. Es war dann in der unmittelbaren Wendezeit schon ein Stück kritischer –
“Wer wusste was von wem?”. Und ich glaube, dass man da sich gegenseitig auch ein Stückchen belauert hat – ich hatte auch Einige in schwerem Verdacht gehabt – was sich dann auch bestätigt hatte, weil ich meine Akten eingesehen hab.
Und dann faserte das Wende-bedingt ein ganzes Stück aus. Einige waren mit dem Studium fertig. Die sind natürlich gegangen, unabhängig davon. Wenige sind geblieben. Und dann kamen hier die Strukturen mit der Senatsarbeitsgruppe Umwelt auf. Dort hat sich dann ein Teil der Gruppe wiedergefunden. Das war am Anfang total ungezwungen, aber dann bekam das alles so eine formale Struktur und ich glaube, das war für etliche – da schließe ich mich völlig ein – nicht zwingend das, was du in dieser sehr dynamischen Zeit erhofft hattest. Dann gießt man das Alles erstmal in Strukturen, das war nötig, aber vom Erleben her fand ich das schon ein Bruch. Du hattest erst gedacht “es wird alles dynamischer” und dann hast du so diese eingekesselten Strukturen.
Jenny: Wie würdest du das beschreiben? Also dieser Übergang von noch der IG, als Vorläuferin zur TUUWI. Also am Anfang war die TUUWI ja noch eine Gruppe aus ganz vielen Gruppen, also wie ein kleines Dach aus ganz vielen Sachen. Wie hast du das so wahrgenommen?
Petra: Also ich fand das erst einmal schön, dass es eine Struktur gab. Aber dann fand ich es – und da weiß ich nicht, wo das herkam und das ist vielleicht auch zu lange her – kritisch. Und das, obwohl ich selbst in dieser Senatsarbeitsgruppe saß. Da sind teilweise Themen besprochen worden, wo ich sage “ja… auch”. Also da fehlte mir persönlich dann die praktische Konsequenz und das Zuendedenken von Dingen. Mein Mann würde sagen “Laber-die-Rhabarber”. Wir waren eine Truppe (die IG), die auch geredet haben; wir haben auch viel diskutiert, aber da standen am Ende Aktionen, also richtig Aktionen. Da entstand für mich so ein, naja Knäuel, wo man aus meiner Sicht nie ganz wusste, wo endet das und wo greift man an, um das Ganze wieder zu entwirren. Also rückblickend würde ich sagen, es war gut, dass es diese Strukturierung gab. Aber ich habe mich in dieser vielen Strukturierung, vielen Regelungen nie wirklich wohlgefühlt, wenn ich ehrlich bin.
Jenny: Ja, das kenne ich in dem Maße auf jeden Fall, dass manchmal zu viel Struktur und Vorgabe auch nicht so gut ist. Wie guckst du heute auf die Zeit damals?
Petra: Also ich kann jetzt die jungen Leute schon nachvollziehen. Ich meine, ob ich mich hinkleben würde, weiß ich nicht. Aber ich kann das Mindset dahinter gut verstehen. Wir sind damals auch mit irgendwelchen Veränderungen, Verbesserungen gegen eine Mauer gerannt. Und das erlebst du ja gerade bei dem Thema “Wir müssen mal jetzt anfangen” wieder. Und da teile ich nicht immer die Methodik jetzt, aber unsere war wahrscheinlich auch nicht perfekt. Na ja, weil es war eine Insellösung. Es hat auf Deutsch gesagt “Keinem wehgetan” und wir hatten unsere Befriedigung. Aber es hat was bewegt und es hat auch, rückblickend kann man das ja immer sagen, es hat was angeschoben. Wir waren wirklich gut organisiert. Für alle verschiedenen Bereiche gab es was und da gab es auch Ansprechpartner und die sind wahrscheinlich wirklich ein ziemlich hohes Risiko eingegangen. Und der Parallelstrang war sozusagen die Kirchengruppe, so mit der Arche in Berlin und und und, also wo es immer was gab. Deswegen glaube ich, ist es schon gut, wenn man mal drüber A) reflektiert “Was ist denn da eigentlich rausgekommen? Und wie lange ist der Weg, den man gehen musste, um mit so ganz kleinen Aktionen was zu erreichen?” Und B) “was hat es gebracht, ein Netzwerk zu haben?”. Das haben wir aber eigentlich erst ’89 gemerkt. Und unabhängig davon, dass da ja noch keiner wusste, gibt es die DDR noch? Gibt es die nicht mehr? Wie geht das weiter? Und deswegen fand ich die TUUWI von den Strukturen gut. Wir brauchen Strukturen, um das, was an Gedanken ist, irgendwo zu verankern, fix zu machen. Aber ob das immer der richtige Weg ist, den man gegangen ist, das wage ich zu bezweifeln. Das war so ein so ein Schlüsselding. Und dann gab es aus meiner Sicht, da gab es aber schon die Grenzöffnung, da waren wir bei Berlin, da gab es dann das erste große Treffen noch mal mit allen zusammen und dort ist dann halt so ein Stück entschieden Grüne Liga erstmal im Osten und und und. Das war schon ja eine ziemlich beeindruckende Geschichte. Also auch wie das dann gelaufen ist.
Jenny: Du hast erwähnt, es waren zwei große Säulen eigentlich. Einerseits natürlich die Aktionen, die man gemacht hat, auch wenn sie klein waren, aber auch auf der anderen Seite das Netzwerk, was man hat. Bezüglich der Aktionen: An was erinnerst du dich noch? Auf was bist du so besonders stolz? Was so eine Aktion in der Zeit?
Petra: Unser Aktionsfeld war der Kaitzbach. Also wir haben Bäume gepflanzt entlang des Kaitzbachs und den haben wir vorneweg entrümpelt.
Und dann haben wir noch was gemacht, was in der Uni zu viel Frust geführt hat – wir haben ja das Grünhorn (auch Greenhorn) rausgebracht.
Und na ja, das war ja sozusagen etwas, was nicht die offizielle Lesart war und das noch dazu an einer Hochschule. Peter musste dort zu Gremien laufen, weil da irgendwo was hing. Wir mussten dann aber wirklich hin und das Ding abmachen. Ich kann mich nicht erinnern, weil ich es auch nicht für so prekär gehalten hätte, was da jemals drauf stand. Das das waren schon so die Highlights; hier setzt man einfach mal auch mit was anderem an, wo man heute drüber lacht. Es war nicht so, dass es “repressionsfrei” war. Also es gab schon ein Limit, was du bestens nicht überschreiten solltest. Und wenn du dich, sagen wir mal, ein bisschen unter dem Radar fliegend bewegt hast – Machbar. Und ich habe in dem ganzen Ding eine Entwicklung auch bei mir gesehen. Erst war es eher so Protest “also ich lass mir doch nicht sagen – halt dir einen Papageien” und dann das Interesse am Thema Umwelt. Klar, ich komme aus einer Gebirgsecke, da war sowieso viel Land. Und das hat sich so sukzessive zusammen aufgebaut und hat sich gut zusammengefunden.
Und dann merkst du irgendwann “na gut, also Bäumchen pflanzen schön und gut, aber es ist nicht alles”.
Ich habe so für mich immer ein Stück diese Stufen gefunden, was geht und was geht nicht. So wie es bei mir losging. Es ging nie los und zu sagen “nieder mit der DDR und nieder mit dem und ich will das und das”, sondern es war so ein sukzessiver Prozess und ich glaube das über so viele kleine Dinge die Leute auch jetzt dazu kommen und und und. Du brauchst was, wo du selber hineinwächst. Am Anfang sicherlich mit auch ein bisschen Fremdmotivation, aber dann wird es auch authentisch. Deswegen war es dann interessant, Netzwerke zu finden. Die suchst du nicht am Anfang und deswegen, das ist für mich so eine Lehre. Komm zu dem Punkt, wo du sagst “Jetzt musst du dich mit anderen verbinden” und das kann nie von außen kommen. Das war dann mit der Potsdamer Gruppe und und und; die waren ja auch über den Kulturbund verzahnt. Dann findet sich was und es entsteht sozusagen ein Austausch, dann teilst du Informationen und eben auch Aktionen und dann wird es breit.
Jenny: Ja, ich finde das großartig. Das war wie bei mir: ich bin auch in die TUUWI reingekommen zur 30 Jahre Feier, also vor fünf Jahren mit der Aufgabe “Ach, willst du nicht mal die Getränke organisieren?”. Das war der Einstieg und jetzt war ich bei großen Forderungspapieren und anderen Aktionen dabei. Das baut sich so auf und irgendwann wächst man rein, aber es geht nicht extern. Da muss man in gewisser Weise selber reinfinden. Das finde ich total spannend, wenn du das auch so siehst.
Petra: Also es war ja damals nicht ganz so einfach, wenn du irgendwas gemacht hast. Wir haben auch gesagt: “okay, wir sichern uns schon gegenseitig ab, gerade wenn du ein Kind hast und was passiert”. Aber du wächst da rein und dann ist es eine Selbstverständlichkeit. Mich hat jetzt mein Mann gefragt “Hattest du keine Angst?” Auch P. sagte jetzt “Ich habe deine Mut bewundert!” Und ich sag “Hä? wieso denn Mut?” Also für mich war das einfach, weil man so sukzessive in eine Aufgabe reingewachsen ist. Heute wird man wahrscheinlich sagen “es ist Zivilcourage”. Aber diesen Begriff gabs damals nicht. Irgendwas machen, weil man sagt “okay, so geht das nicht”. Und da muss ich echt sagen, da wars halt der Kaitzbach, aber es hätte auch was anderes sein können.
Jenny: Ja, und bezüglich der Netzwerke: Wie hat man sich damals so vernetzt? Also so schnell wie heute mit Messengerdienste und Co. ging es ja nicht.
Petra: Da gab es dann solche netten Blätter und das hast du dann gekriegt und dann ging das alles in Kopie, wo auch immer “Sehr geehrter Herr Staatsratsvorsitzender” drauf stand. Dann gibt es aber eben auch ganz einfache handgeschriebene Briefe, wo dann drunter stand “Viel Spaß beim Entziffern”. Dann musstest du halt warten. Es dauerte alles viel, viel länger, muss man sagen. Telefon hatten die wenigsten. Da konntest du nur an die Telefonzelle gehen. Das hört sich jetzt an wie “Ich habe vor 1000 Jahren gelebt”, aber es war einfach so. Dann hat man sich teilweise persönlich einfach getroffen. Dann hab ich mich mit A. getroffen, C. getroffen, dann hattest du Informationen, dann hast du auch teilweise so welche Flyer mitgenommen und hast sie dann hier wieder gestreut. Also es gab so was wie Stille Post in dem Bereich und das gut gelaufen. Ja, also das ist kein Vergleich mit jetzt.
Jenny: Wenn du jetzt noch mal auf genau diese Zeit so zurück guckst: Wie hat dich diese Zeit bis heute geprägt?
Petra: Mich hat es geprägt, weil es schon so einschneidende Jahre in meinem Leben waren, auch als Studienende bis hin zur Dissertation. Und natürlich mit der Verzahnung mit meinem Doktorvater. Das ist, was mich geprägt hat. Aber es hat mich auch deswegen ziemlich geprägt, weil ich mir ein Grundverständnis selber erarbeitet habe, was ich gut finde und was ich nicht gut finde.
Es hat für mich ein Verständnis für Protest entwickelt, weil ich es selber mal erlebt habe. Das finde ich einfach eine wichtige Geschichte.
Ja und ich gehe auch heute noch gerne am Kaitzbach entlang. Aber dass ich jetzt sagen würde, ich häng mir jetzt eine Fahne raus und wähle nur noch Grün, das ist es auch nicht. Aber in meinem Garten gibts weder Insektizide noch sonst was. Unsere Nachbarn finden das so naja, weil bei uns alles kreucht und fleucht. Also so dieses Naturverbundene in einem sehr kleinen Maß, das habe ich schon noch. Das andere ist so, ich habe Verständnis für die jungen Leute. Ich erkenne mich in so einem extremen Levelunterschied – wir haben unterschiedliche Staaten, Gott sei Dank – wieder.
Jenny: Gut, dass das ansprichst. Was würdest du denn heute so Aktiven oder Aktivist*innen, die in der TUUWI sind, so mitgeben oder noch sagen?
Petra: Also was ich gut fand und was ich vielleicht sogar an der Uni zur Pflicht machen würde, das ist die Umweltringvorlesung. Weil die einfach, sagen wir mal auf einer sehr niederschwelligen Art und Weise für das Thema Umwelt sensibilisieren. Und was ich mehr machen würde, ist den Leuten zu erklären. Also ich würde allen den Rat geben: “Erklärt euren Protest!”. Die Chance hatten wir damals nicht. Ich glaube, weil wir glücklicherweise eine andere Staatsform haben, kann man, in einem größeren Umfang als es augenblicklich passiert, Protest erklären. Ihr kriegt das ja auch mit, diese unterschiedlichen Reaktionen auf das, wenn die hier den Zellischen Weg zumachen und bekleben oder die Hörsaalbesetzung. Also letztendlich die Aktionen, die ihr macht in einer größeren Breite zu promoten. Das heißt bei euch mehr Kommunikation und und nicht unbedingt mit der Erwartung “alle lieben die Umwelt”. Das ist manchmal, wenn man was selber macht und selber cool findet, dann glaubt man, alle anderen müssten das auch teilen. Da glaube ich, da passiert zu wenig. Wir haben uns mit Peter und so einem kleinen Kreis immer mit Studierenden getroffen. Das war völlig freiwillig und wir haben genau diese Themen mal diskutiert. Also die Meinung abzufragen und wir haben die alle ausgesprochen – da gab es kein richtig und kein falsch. Das muss ich auch zulassen können und ich muss das aushalten können, dass ich eine Meinung habe und alle anderen haben vielleicht eine andere Meinung. Man muss klein anfangen, nicht mit so gigantischen Podiumsveranstaltungen. Dort schafft man eher eine Reaktanz, weil jetzt kommt nochmal das Thema und nochmal das Thema. Also man kann ja auf Themen eingehen, die jeden betreffen.
Ich glaube, wir holen die die Leute zu wenig in den Alltagssorgen, Alltagsnöten und im Alltagserleben ab. Ich würde dort auch nicht mehr mit Verboten, sondern ein Stückchen offener kommunizieren. Ich hab das Gefühl, wir verengen das momentan und dann lassen es die Leute ganz.
Es wäre einfach wichtig, das Thema, was wirklich zentral ist, in solche Häppchen zu verpacken und Gießkannen-mäßig so zu verpacken, dass es bei der möglichst breiten Menge ankommt. Das ist das Thema Kommunikation und da sehe ich sowohl euch in der TUUWI nicht so gut aufgestellt. Das ist jetzt keine Kritik, weil ihr macht ja was. Aber ich merke wie wenig manchmal ankommt. Das Thema Kultur hat auch was zu tun mit dem Thema Umwelt. Für dieses Promoting würde ich mir eine stärkere Rolle unserer Prorektorin für Universitätskultur wünschen. Das ist einfach so, weil ich glaube, man kann vieles probieren. Das haben wir ja auch gemacht; von unten so basisdemokratisch zu machen, aber es bedarf bei einigen Themen, vor allen die, die wehtun, Unterstützung. Und auch das Thema Umwelt tut an vielen Stellen weh, weil es kostet und es ist mit Einschränkungen individuell verbunden. Aber wie gesagt, klemmt euch hinter die Prorektorin. Und da ist es wieder gut, dass wir die Institution haben. Da haben wir einen klaren Adressaten und nutzt einfach die augenblickliche Konstellation in der Unileitung. Das wird ja auch immer neu besetzt. Nutzt momentan die Präsenz des Themas Umwelt auch weil man nicht weiß, was noch, um Himmelswillen, in den nächsten Wahlen passiert. Nutzt das, um Pflöcke einzurammen. Die wieder rauszubuddeln wird schwieriger, als dass man sagt, das ist eh eine grüne Wiese, da gehn wir mal drüber.
Jenny: ja, danke auf jeden Fall dafür. Jetzt möchtest du noch irgendwas loswerden bezüglich der TUUWI noch Gedanken zu dir? Zu uns? Irgendwas?
Petra: Also ich würde mich freuen, wenn ihr den 100jährigsten feiert. ich würde mich freuen, wenn es euch gibt, weitergibt und ihr noch mehr an Einfluss gewinnt. Ich würde mir wünschen, dass ihr mehr Aktionen macht, die in die Breite gehen. Also ich will jetzt nicht sagen pflanzt mit jedem Erstsemester einen Baum und forstet hier den Zelli auf oder so was. Aber was, wo sich Leute dran erinnern und zu sagen “Ja, das habe ich gemacht.” Und wenn ich in 2,5 Jahren in Rente gehe, dann könnte ich mir gut vorstellen, wenn es die TUUWI noch gibt, dass ich mich dann wieder einbringen kann. Wenn das dann noch offen wäre für so alte Omis. Also das wäre einfach so ein persönlicher Wunsch. Und ich hätte gerne mal noch eine Kopie von dem Greenhorn. Ich habe nichts mehr.
Das Interview wurde am 31.01.24 in in dem Büro der Professorin Petra Kemter-Hofmann von Jennifer Vaupel geführt. Der vorliegende Text wurde basierend auf dem Audiotranskript des Interviews ebenfalls von Jenny editiert und für eine bessere Lesbarkeit angepasst und gekürzt.