Darf Wissenschaft aktivistisch sein? Und wenn ja, wie viel?

Von Luisa Zenker

Es war im Herbst letzten Jahres, als Student*innen der TU Dresden den größten Hörsaal der Universität besetzten. Sie wollten nicht länger warten und zusehen, wie die TU Dresden weiterhin…. Sie forderten effektiven Klimaschutz an der Uni.

Einige Wissenschaftler*innen schauten skeptisch, aber auch neugierig auf die Aktion. Einige wollten selbst Teil dessen sein, andere kritisierten sie dafür: Die Wissenschaft sei der Neutralität verpflichtet, hieß es dann. Doch wie weit geht diese Neutralität, was heißt das überhaupt, neutral sein? Und darf Wissenschaft aktivistisch sein? Dieser Beitrag versucht ein paar Gedanken zu sortieren. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – er will nur Impulse setzen, für neue oder alte Gedanken.

Bevor die Debatte beginnt, sollten wir eine kleine Zeitreise unternehmen. Eine Reise entlang von Geschichten, die aktivistische Wissenschaftler*innen zu erzählen begannen, denn wie wir später herausfinden werden, sind Geschichten unabdingbar mit einer aktivistischen Wissenschaft verknüpft.

Geschichten über aktivistische Wissenschaft

Wir reisen also in das Jahr 1957: Die Regierung Adenauer diskutiert gerade über eine atomare Aufrüstung der deutschen Bundeswehr. Währenddessen sitzen 18 hochangesehene Wissenschaftler [1] gemeinsam in einem Kämmerlein irgendwo in Göttingen und schreiben an einem Manifest. Einige Tage später senden sie einen Brief an die drei großen überregionalen Tageszeitungen: die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Welt und die Süddeutsche Zeitung. Das Dokument richtet sich gegen die angestrebte Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen. Wenige Wochen später ist der öffentlicheDruck so hoch, dass die Regierung von ihren Plänen ablässt. [2]

Machen wir einen kleinen Zeitsprung – in das Jahr 1992. In dem kurzen Manifest „World Scientists’ WarningtoHumanity“ wenden sich 1.700 renommierte Wissenschaftler*innen und Nobelpreisträger*innen an die Politik.  Sie fordern einen politischen Kurswechsel angesichts der erschöpfenden Ressourcen und der Umweltverschmutzungen. Die zweite Mitteilung aus dem Jahr 2017 wurde von mehr als 15.000 Wissenschaftler*innen aus über 184 Ländern unterzeichnet.

Noch ein Stück weiter, landen wir im Frühjahr 2019 mitten imFridays-for-Future-Streik (FFF).  FDP-Chef Lindner wirft der Bewegung vor, Klimapolitik besser „den Profis“ zu überlassen. Das seien ja nur Kinder – was wissen die denn schon vom komplexen Klimawandel. Genau hier hätte der Schulstreik ins Straucheln kommen können – die Glaubwürdigkeit der Bewegung wurde massiv hinterfragt. Dann jedoch meldeten sich zahlreiche Wissenschaftler*innen zu Wort. In einer Stellungnahme gaben sie der Jugendbewegung inhaltliche Rückendeckung.  Ungefähr 27.000 Wissenschaftler*innen stellten sich hinter FFF. Es gründete sich das Netzwerk Scientistsfor Future (S4F).

„Als Menschen, die mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut sind und denen die derzeitigen Entwicklungen große Sorgen bereiten, sehen wir es als unsere gesellschaftliche Verantwortung an, auf die Folgen unzureichenden Handelns hinzuweisen“ – Zitat aus der Stellungnahme von S4F [3]

Nun gut, Appelle unterschreiben, klingt noch nicht nach so viel Aktivismus [4] – schaut man sich aber die S4F-Bewegung genauer an, dann fällt auf: es bleibt nicht bei den Unterschriften.  Die Wissenschaftler*innen organisieren Vorlesungsreihen und Diskussionsrunden, schreiben Redebeiträge, malen Transparente oder helfen gar bei Demoorganisationen mit. In Dresden übergaben sie gemeinsam mit FFF einen umfangreichen Klima-Katalog mit Sofortmaßnahmen ans Rathaus. [5]– Doch wie genau können sie solche Aktionen legitimieren?

Warum gibt es Wissenschaftler*innen, die nicht länger nur forschen wollen?

Die Antworten fallen divers aus [6]:

  • Sie wollen der FFF-Bewegung ein Schutzschild bieten und Fakten liefern.
  • Sie sehen sich in der Verantwortung über gesellschaftliche Gefahren zu informieren.
  • Sie wollen wissenschaftliche Ergebnisse teilen, um somit einen Beitrag zur politischen Willensbildung zu leisten.
  • Sie wollen sich einfach aus ganz persönlichen Gründen in einer Umweltbewegung engagieren und das Netzwerk verschiedenster Disziplinen nutzen.
  • Sie sehen die Wissenschaft als Kontrollinstrument der Politik. Als fünfte Gewalt, die Politiker*innen kritisieren darf. Und wenn die Politik nicht die notwendigen Maßnahmen ergreift, ja dann muss eben die Wissenschaft Stellung beziehen.

Der meistgenannte Grund? Wissen verpflichtet. Es geht hierbei um Verantwortung. Eine Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft. Man forscht und nachdem man geforscht hat, sollten die Ergebnisse einer breiten Bevölkerung verständlich gemacht werden – besonders wenn es dabei um Gefahren geht, sei es der menschengemachte Klimawandel oder das sechste große Artensterben. Das schwierige daran: Die Wissenschaft soll bei all dem politisch neutral bleiben – doch was bedeutet das überhaupt für die Wissenschaft: Politisch neutral sein?

Wissenschaft soll politisch neutral bleiben

Universitäten sind hierzulande staatliche Institutionen, die dem Neutralitätsgebot verpflichtet sind.  Das heißt: sie sollen eine neutrale Haltung gegenüber politischen Parteien bewahren, und somit nicht am Parteienwettbewerb teilnehmen.

Folglich dürfen Universitäten trotzdem Stellung zu Themen beziehen, die den demokratischen Werten nicht widersprechen. Ja sie dürfen sich sogar positiv zu sozialen Bewegungen äußern. Das tat beispielsweise das Rektorat der Uni Leipzig, indem sie die Mitarbeitenden der Hochschule zum „globalen Klimastreik“ am 20.September 2019 aufrief. Dies kritisierten einige Jusos, denn sie sahen das Neutralitätsgebot in Gefahr. [7]  An der TU Dresden hingegen wurde nicht zum Klimastreik aufgefordert, sondern nur zur Teilnahme an der Klimaaktionswoche – heißt: Bildungsveranstaltungen wie Workshops, Diskussionsrunden, Vorträge fanden in der Woche vom 25. bis 29. November an der Uni statt [8]. Das zeigt Diskrepanzen – politischer Aktivismus heißt vielleicht mehr als eine Vorlesung über den Klimawandel abzuhalten. Auch an der TU Dresden steht in der Grundordnung: „§3(5) Die  Technische  Universität  Dresden  verpflichtet  sich,  den  Fragen  des  Schutzes  und  der Gestaltung der Umwelt besondere Aufmerksamkeit zu widmen.“ Wie weit geht solch eine Verpflichtung?

Halten wir also fest: Universitäten dürfen sich für Themen einsetzen, sofern sie den demokratischen Werten entsprechen. Dabei dürfen sie aber nicht Parteien unterstützen. Den bestehenden politischen Parteien steht es jedoch frei, sich den Themen anzunehmen.

Die Neutralität in der Wissenschaft ist aber auch in der Forschung fraglich

Denn eigentlich ist die Wissenschaft durchaus politisch. So zum Beispieldie Entscheidung, welchen Forschungsfokus die Wissenschaftler*innen wählen und welche Methodiken sie dazu nutzen [9]. Legt das Institut nun Wert auf die Erforschung einer klimawandelangepassten Stadtentwicklung oder auf eine autogerechte Stadt? Natürlich ist das nicht immer die Entscheidung des einzelnen Wissenschaftlers oder des Instituts.

Ökonomisierung der Wissenschaft

Angesichts des Ökonomisierungsdrucks der Wissenschaft hängt diese Entscheidung von vielen weiteren Faktoren ab: Wer sind die Geldgeber*innen? [10] Auf welche Themen legt die Regierung wert? [11] Und wie verändert sich die Hochschullandschaft, wenn Universitäten von Drittmitteln und prestigeträchtigen Exzellenzprojekten abhängen?  Einige kritische Stimmen sagen sogar, dass ohne die mehreren Milliarden Euro Drittmittelgelder von Unternehmen, der Betrieb der Hochschulen gar nicht mehr möglich wäre. [12] Wie sehr agiert eine Person wissenschaftlich neutral, die jahrelang für einen Automobilkonzern gearbeitet hat und nun Dekan eines Instituts ist? Welche Themen geraten da vielleicht aus dem Fokus oder in den Fokus?

Wissenschaften sind performativ [13]

Das Beispiel der Stadtforschung deckt noch etwas anderes auf: Die Wissenschaft stellt nicht nur Wirklichkeiten dar, sondern trägt auch zu ihrer Entwicklung bei. Liegen also beispielsweise keine Daten für eine klimawandelangepasste Stadt vor, dann wird eine politische Willensbildung dazu nur schwer möglich sein.  Denn nur wo Daten vorliegen, könnenEntscheidungen gefällt werden, und können Probleme sichtbar gemacht werden.

All das zeigt: Die Forschung ist per se nicht unpolitisch.

Das Forschungsthema hängt von vielen Faktoren und Entscheidungen ab. Doch neben der Forschung, hat die Wissenschaft noch eine weitere Verantwortung: Das Wissen mit der Allgemeinheit teilen. [14]

Denn der Kern der Wissenschaft besteht nicht nur darin, für sich oder für Regierungen oder für die Industrie zu forschen, sondern für die Gesellschaft. Wird also herausgefunden, dass die Hitzeinseln in einer Stadt Mensch und Natur schaden, dann muss darüber aufgeklärt werden – wie genau, das ist die große Frage – oder eben nicht:

 „Wir müssen nicht nur aufklären, indem wir irgendwo in einem wissenschaftlichen Journal über unsere Erkenntnisse schreiben. Wir müssen mit unseren Botschaften auch an die Öffentlichkeit und den Ottonormalverbraucher über die Fakten informieren.“

Das sagte Volker Quaschning, Mitgründer von S4F und Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, in einem Interview [15]. Er sieht in der S4F-Bewegung einen Wandel in der Wissenschaftskommunikation. Diesesei in den letzten 30 Jahren gescheitert – zumindest was die Kommunikation über den Klimawandel betrifft. Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, heißt eben nicht nur, Pressemitteilungen und Essays zu schreiben.

Die Wissenschaftskommunikation muss sich ändern

Natürlich nur sofern das Interesse in der Gesellschaft daran besteht. Reden macht nur Sinn, wenn zugehört wird, manchmal muss man aber auch lauter sprechen.

Wie diese anderen Kommunikationsformate aussehen könnten, hat S4F gezeigt: Beispielsweise durch die Vorlesungsreihe„Lectures for Future“ im Herbst 2019.Darin sollten Lehrpersonen ihre Veranstaltung dem Klimawandel widmen. Was hat ihre Disziplin mit dem Klimawandel zu tun? Welche Fragen müssen sich Betriebswirte, Medizinerinnen oder Psychologinnen angesichts des Klimawandels stellen?Inwiefern ist ihre Disziplin davon betroffen? Es gab Diskussionsrunden für alle Bürger*innen. Auch wurde das Wort der Citizen Science [16] wieder öfter in den Mund genommen. Dadurch sollen Wissenschaftler*innen von ihrem Elfenbeinturm hinabsteigen und gemeinsam mit Bürger*innen forschen. Wissenschaft und Gesellschaft – das müssen nicht zwei getrennte Welten sein.

Doch wie weit kann und darf die Kommunikation gehen?

Gehören auch Besetzungen zu einer Kommunikationsform? Und wie emotional darf diese Kommunikation geführt werden? Ist der Begriff Klimakrise schon zu emotional oder ist er stichhaltig angesichts eines politischen Zuwiderhandelns? Werden komplexe Sachverhalte normativ, wenn sie einer breiten Gesellschaft vereinfacht zugänglich gemacht werden? Und könnten Expert*innen nicht auch schnell ihre Legitimität strapazieren?

Wissenschaftler*innen könnten ihre Macht missbrauchen

Wer einen Doktortitel vor dem Namen stehen hat, kann doch nur Experte sein, oder? Natürlich darf auch eine Klimaphysikerin über die sozialen Folgen des Klimawandels sprechen, aber eben nicht als Wissenschaftlerin sondern als Bürgerin. Denn lehnt man sich als Wissenschaftler*in zu weit über die Reichweite der eigenen Disziplin, kann schnell die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft in Frage gestellt werden.

Halten wir also fest: Die Wissenschaft existiert für die Allgemeinheit. Deshalb muss sie ihre Ergebnisse mit einer breiten Gesellschaft teilen – und zwar nicht nur über gelegentliche Pressemitteilungen. Seien das nun niederschwellige Vorträge, Diskussionsrunden, Redebeiträge oder Aktionen zivilen Ungehorsams. Die Grenzebleibt vage, sofern es überhaupt eine gibt. Wissenschaftler*innen, die sich bei S4F engagieren, haben also ihr gutes Recht darauf, neu zu kommunizieren. Eine weitere Frage spieltdabei aber vielleicht auch eine Rolle: inwiefern wollen Wissenschaftler*innen das überhaupt? Aktivistisch handeln, heißt meist, Teil einer Opposition zu sein. Und Oppositionen machen sich oft nicht so gut im Karrierelebenslauf, der eben doch von Beziehungen und Ellenbogenkämpfen abhängig ist.

Studierende als Teil der Wissenschaft

Zumindest eines ist sicher, auch die Studierendenschaft ist Teil der Wissenschaft und die hat im Herbst 2019 einen Hörsaal für mehr Klimagerechtigkeit besetzt. Und diese Studierendenschaft war es auch, die vor einigen Wochen gemeinsam mit dem StuRaklimapolitische Forderungen an die TU Dresden gestellt hat. Ein Teil dieses Forderungskatalogs beschäftigt sich dabei mit der politischen Außenwirkung. So fordert dieser, dass sich die TU Dresden als gesellschaftspolitische Akteurin versteht. Heißt im Klartext: Die TU Dresden muss medial auf die Dringlichkeit der Klimakrise hinweisen, und ihrem Bildungsauftrag gerecht werden – auch über den Campus hinweg. [17]

Das Fazit bleibt also ein Plädoyer.

Ein Plädoyer für eine Wissenschaft, die nicht nur für Eliten, sondern für die Gesellschaft forscht.Ein Plädoyer für eine breite und neue Wissenschaftskommunikation.  Also ein Plädoyer für gute Geschichten. Ein Plädoyer für faktenbasierte Geschichten über den Klimawandel und seine Folgen. Geschichten, die diskutiert, vorgelesen, gelehrt, geforscht, gerufen, plakatiert, unterzeichnet werden. Geschichten, die fordern aber nicht vorschreiben. Geschichten, die Universitäten verkünden, weil sie Teil des politischen Lebens sind.

 

Der Text basiert außerdem angesprochene Themen während einer Podiumsdiskussion in Kiel. Das EnJust-Netzwerk für Umweltgerechtigkeit (www.enjust.net) veranstaltete am Mittwoch, den 01.07.2020 um 19 Uhr eine Veranstaltung zum Thema “Wie politisch darf/soll die Wissenschaft in Zeiten des Klimawandels sein?”. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion haben sie  mit Vertreter*innen aus Sozial- und Naturwissenschaften, der Wissenschaftstheorie und des politischen Aktivismus die Rolle der Wissenschaft im Kontext des Klimawandels und der aktuellen sozio-ökologischen Krise diskutieren.

[1] Ja es waren nur Männer

[2] Hier zum Manifest der Göttinger 18: https://www.uni-goettingen.de/de/text+des+g%C3%B6ttinger+manifests/54320.html

[3] https://www.scientists4future.org/stellungnahme/stellungnahme-de/

[4] Der Philosoph Karl Popper (1902 – 1994) bezeichnete die Haltung des Aktivisten als „die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens.“ (Karl Popper, in: Das Elend des Historizismus). Eine weitere Definition von Aktivismus geht folgendermaßen: „nicht untätig abwarten, aber auch nicht in formelle politische Prozesse (als Teilnehmer) hinein gehen, sondern über z.B.  Öffentlichkeitsarbeit und Demonstrationen, über Aktionen aktiv werden.“ Aus: https://www.2mecs.de/wp/2013/08/aktivismus/

[5] https://s4f-dresden.de/klimaschutz-massnahmenkatalog-fuer-dresden/

[6] Diese Sammlung von Antworten entspringt einer Recherche verschiedenster Interviews mit S4F-Akteuren. Besonders folgende Interviewreihe hatte Einfluss auf den Artikel: https://www.wissenschaftskommunikation.de/scientists-for-future-wer-unterstuetzt-die-initiative-und-warum-2-30801/

[7] Weitere Infos unter: https://www.l-iz.de/leben/gesellschaft/2019/09/Rektorat-der-Uni-Leipzig-ruft-zur-Teilnahme-am-globalen-Klimastreik-auf-Julis-protestieren-295695 und https://www.luhze.de/2019/12/12/die-universitaetsleitung-wahrt-das-neutralitaetsgebot/

[8] https://tu-dresden.de/tu-dresden/newsportal/news/week4CLIMATE-Aktionswoche-an-der-TU-Dresden-vom-25-bis-29-11

[9] Ulrich Demmer (2018): Was ist „aktivistische Forschung“ in, mit und für Degrowth?-Fragestellungen, Reflexionen, partielle Antworten, FORSCHUNGSJOURNAL SOZIALE BEWEGUNGEN

[10] Verweis auf folgende Podiumsdiskussion: https://www.boell-hessen.de/doku/wissenschaft-zwischen-oeffentlicher-verantwortung-und-oekonomisierungsdruck/

[11] denn Regierungen sind es nun mal die weitestgehend über den Haushalt von Universitäten verfügen

[12] https://www.deutschlandfunk.de/drittmittel-an-hochschulen-zwischen-freigeist-und.724.de.html?dram:article_id=283064

[13] Ulrich Demmer (2018): Was ist „aktivistische Forschung“ in, mit und für Degrowth?-Fragestellungen, Reflexionen, partielle Antworten, FORSCHUNGSJOURNAL SOZIALE BEWEGUNGEN

[14] Damit wären wir bei den zwei wichtigen Funktionen der Wissenschaft: der Gesellschaft Fakten nach wissenschaftlichen Standards liefern und ihnen Gehör verschaffen

[15] https://enorm-magazin.de/umwelt/umweltschutz/klimaschutz/scientists-for-future-wir-wollen-die-leute-blosstellen-die-den-klimaschutz-verhindern

[16] Dennoch ist auch dieses neue Wort des „BürgerschaffenWissenschaft“ kritisch zu sehen: So wird beispielsweise die Ausbeutung von engagierten Ehrenamtlichen hinsichtlich von Biodiversitätsmonitorings kritisiert. Diese arbeiten meist kostenlos für die Wissenschaft, womit mal wieder die staatliche Geringschätzung gegenüber der Natur zum Ausdruck kommt.

[17] https://ueberflutung-tud.de/

Umweltschutz und Rassismus – warum unser Augenmerk dem Kampf gegen Diskriminierung gelten muss

Die erste Black-Lives-Matter-Demonstration in Dresden am 6. Juni
24. Mai 2019. Ein Global Strike der Schülerbewegung Fridays For Future findet statt. Der türkischstämmige deutsche Rapper Chefket wirft der Berliner Sektion Rassimus vor, nennt sie „White Days for Future“. Sie hatten ihn für die Demo in Berlin als musikalische Unterstützung zunächst ein- doch dann wieder ausgeladen, mit Verweis auf vergangene Kollaborationen mit dem sexistischen und gewaltverherrlichenden Rapper Xatar. Chefket sieht das anders. Er löst in den sozialen Medien eine Debatte aus, wie weiß Fridays For Future tatsächlich sei. Fridays For Future verschwindet so oder so das ganze Jahr nicht aus den Medien, die Bewegungsgründerin Greta Thunberg wird vom Time Magazine zur Person Of The Year gewählt.
25. Mai 2020. Ein Jahr und ein Tag danach: Die Coronakrise bewegt die ganze Welt. Der normale Alltag wurde gerade im März und April in vielen Ländern völlig eingefroren. Demonstrationen wurden aufgrund ihres Potenzials, das Virus unter großen Menschenmengen zu verbreiten, untersagt.  Mittlerweile hat man das Virus weitestgehend unter Kontrolle. Um die Bewegung Fridays For Future ist es in den letzten Monaten ruhig geworden, der Fokus lag nachvollziehbarerweise auf anderen Dingen. An diesem  Tag in Mai stirbt ein 46-jähriger Afroamerikaner namens George Perry Floyd auf einer Straße in Downtown Minnesota. Er wurde Opfer einer völlig unverhältnismäßigen, gewaltsamen Festnahme durch vier weiße Polizisten. In den folgenden Tagen und Wochen werden große Menschenmengen in den Städten wieder laut. Nicht für den Planeten, sondern für das alte Problem Rassismus gehen die Leute wieder auf die Straße.
 
 
Diskriminierung – eine (leider) alte Geschichte
 
Die Ermordung George Floyds vor gut einem Monat ist ein weiterer von etlichen ähnlichen Schandtaten, die in den letzten Jahren die Vereinigten Staaten erschüttert haben. Und trotz der perfiden, menschenverachtenden Vorgänge, spielt sich danach immer vieles ähnlich ernüchternd ab: Aufruhr, Demonstrationen, Politiker*innen halten Pressekonferenzen. Alte weiße Männer mit viel Macht bedauern den tragischen Tod und bekundigen ihr Beileid, oftmals die gesamtgesellschaftliche Ungerechtigkeit und dessen Relevanz völlig ignorierend. Progressive Politiker*innen, insbesondere jene, die selbst diskriminierten Minderheiten angehören, seien sie schwarz, Latinos oder Frauen, sitzen zwar mittlerweile in den Abgeordnetenhäusern – oder gelegentlich sogar im Weißen Haus – aber sind noch immer viel zu wenige und schwächer als konservative Parteien, Lobbyverbände und vor allem – eine priviligierte Oberschicht, die in Teilen bösartig und rassistisch ist, in anderen großen Teilen weniger menschenfeindlich, aber dennoch gleichgültig, bequem und unwissend um die eigene Komfortzone. Erstens werden änderungswillige Politiker*innen keine Gesetzesentwürfe einbringen und durchsetzen können, die der Bekämpfung von Diskriminierung eine rechtliche Grundlage gibt. Zweitens und viel relevanter: Der Grund für Ersteres liegt in festgefahrenen Strukturen, zu deren Änderung es nicht eines Gesetzes sondern gesellschaftlicher Transformationen bedarf. 
 
Der Fall Floyd in diesen Zeiten
 
Was ist beim Fall Floyd anders als sonst? Die Aufruhr ist besonders groß. In der gesamten westlichen Welt, in vielen Ländern wie Deutschland, in denen Waffengewalt eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielt, solidarisieren sich Menschen mit den US-Amerikanern. Die Corona-Krise und ihre Folgen, haben sicherlich dazu beigetragen. Viele von uns haben sich Monate mehr oder weniger ins Privatleben zurückgezogen und haben öffentliche politische Debatten gemieden, obwohl viele Geschehnisse es wert gewesen wären, beispielsweise die ungeklärte Situation in Hongkong. An dieser Stelle trotzdem ein großes Dankeschön an alle, die im März und April, in Form von Demotranspis vom Balkon hängend über Vereinsplena in virtueller Form bis hin zu Social-Media-Aktionen weiterhin am Ball geblieben sind. Diese Formen politischen Engagements sind nicht zu vernachlässigen und dennoch – die Durchschlagkraft und Wirkung einer Straßendemonstration samt medialer Aufmerksamtkeit können diese Formen nicht erreichen. Die vielen BLM-Demos waren ein Aufschrei, eine Befreiung politisch aktiver Menschen. Das hat eine neue Welle ins Rollen gebracht. 
 
Warum schreibt die Tuuwi über George Floyd?
 
Ein weiteres Mal wurde einem unschuldigen Menschen das Leben genommen, ein weiteres Mal sitze ich bequem mit meinem Kaffee gerade hier vor meiner Tastatur und weiß, dass dies nicht das letzte Mal gewesen wird.  
Und dass ich hier mit meinem Kaffee sitze bereitet mir ein schlechtes Gewissen. Dadurch dass ich hier als als weißer, männlicher, in Deutschland geborener angehender Akademiker nie Diskriminierungen ausgesetzt war, kann ich die Erniedrigung nicht wirklich begreifen. Warum soll ausgerechnet ICH einen Text über Rassismus schreiben? Kurz nach dem Tod George Floyds saßen eine Freundin und ich auf einer Wiese und wir sprachen darüber, dass viele Facebook-Freunde ihr Profilbild auf Schwarz ändern. Ein Zeichen der Solidarisierung, welches nicht neu ist, schon zuvor bei schrecklichen Attentaten oder politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, von der sozialen Plattform angeboten wird. Solidarisierung und Kondulenz sind wichtig und dennoch: Um eine Transformation einzuleiten, Ursachen- statt Symptonbekämpfung zu betreiben, um das erneute Geschehen von ungerechter Gewalt zu vermeiden muss jeder anfangen, in seinem eigenen soziokulturellen Umfeld sensibler zu werden und sich zu fragen: Was läuft falsch? Was machen wir falsch? Was können wir tun? Darum halten wir es als Umweltgruppe für sehr wichtig, einen näheren Blick auf das Thema Rassismus zu werfen. Spätestens seitdem Fridays for Future öffentlich Rassismus vorgeworfen wird, stellt sich die Frage, inwiefern Missverständisse zwischen verschiedenen Interessengruppen herrschen, oder die Klima- und Umweltbewegung tatsächlich ein Rassismusproblem hat.
 
Grüne Nachlässigkeit
 
Dabei soll hier auf die anfangs erwähnte Kontroverse um Chefket und FFF gar nicht näher eingegangen werden, denn in dieser Situation blieb vieles unklar und man kann nur mutmaßen. Viel interessanter ist jedoch ein Blick auf Aktivist*innen, die selbst BIPOCs sind – das ist die häufig verwendete Bezeichnung für Schwarze, Indigene und People of Color. Die Wissenschaftlerin und Postwachstumsaktivistin Tonny Nawshin wurde beispielsweise als einzige aller anwesenden Aktivist*innen bei der Datteln-4-Demo am 20. März im Nachhinein auf keine der von Greenpeace auf Twitter geposteten Fotos von der Aktion abgebildet, einige Fotos mit ihrem Gesicht wurden zugeschnitten – gleichzeitig war sie die einzige nichtweiße Teilnehmerin der Veranstaltung. Die Social-Media-Verantwortlichen haben dies vermutlich nicht einmal mutwillig getan. Es ist ihnen womöglich gar nicht aufgefallen. Doch in der Nachlässigkeit liegt die Wurzel des Problems. Priviligierte Menschen sind sich ihrer Privilegien oft nicht bewusst. Und das trifft auch auf diejenigen von uns zu, die sich selbst als sehr progressiv und reflektiert bezeichnen würden. Das Ergebnis sind oft nur kleine dezente Vorkommnisse, wie Tonny Nawshins Erfahrung, die jedoch immer und immer wieder vor Unsensibilität strotzen und dazu führen dass sich BIPOCs verletzt und diskriminiert fühlen. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste likte Fridays for Future einen Kommentar, der die Darmstädter Ortsgruppe dafür kritisierte, sich gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus ausgesprochen zu haben. Was ist da los?
Die Klimabewegung, die mehrheitlich weiß ist, lebt oftmals in einer Blase in der sie – völlig berechtigt – eine alles umfassende, von den Artgenossen verursachte, ungemütliche Zukunft zu verhindern versucht. Außerhalb der Blase befindet sich eine Menge gesellschaftlicher Konfliktherde, von der die Mehrheit der Klimabewegungsanhänger nicht betroffen ist. Dennoch müssen diese dringend mit in Klimaprotest einbezogen werden. Sicherlich – Klimagerechtigkeit ist ein Thema der Umweltbewegung, welches gerade sein Augenmerk auf die Benachteiligten, auf die Schwachen und Diskriminierten legt, sei es die Betroffenheit von Menschen, die im globalen Süden leben oder auch Frauen. Dennoch bewegt man sich als Klima- und Umweltschützer*in schnell auf einer abstrakten Ebene und hat nur das große Damoklesschwert Klimawandel vor Augen, vergisst die Probleme vor der eigenen Haustür. Der junge, in Deutschland lebende  Mensch, der einer Minderheit angehört,  fragt sich ob es nicht dringendere Probleme gibt, wenn er sieht, dass wir uns um Bio-Essen in der Mensa bemühen, während sein Kumpel am Hauptbahnhof in Köln als einziger Schwarzer angesprochen wird, wo 20 Weiße ohne Mundschutz nicht angesprochen werden. Als Tuuwi stellen wir oft fest, dass wir uns in unserer Umweltblase befinden. Dies gewinnt an völlig neuer Bedeutung, wenn man betrachtet, dass viele junge Menschen sich nicht mit der Umweltbewegung identifizieren können, weil sie in Gewalt, Krieg, Mord, der Verletzung von Menschrechten viel dringendere Probleme sehen und sich fragen inwiefern Umweltschützer*innen weltfremd sind. Die Wahrheit ist, dass uns diese Probleme alle bewusst sind, wir aber noch sensibler, offener und aufmerksamer werden müssen. 
 
Die Ermordung George Floyds hat uns wieder einmal wachgerüttelt und gezeigt, dass der Kampf gegen Rassismus ebenso relevant ist wie gegen biologische Viren oder atmosphärische Veränderungen. Doch nicht erst seit diesem Vorfall im Mai ist klar, dass die progressiven Umwelt- und Klimaschützer*innen gerade in diesem Bereich schon das ein oder andere Fettnäpfchen mitgenommen haben. Im Kontext der Klimagerechtigkeit ist es an der Zeit, dass wir weiter unser antirassistisches Profil stärken. 

Lauter, summender, klingender – Resonanz im tuuwi-Garten

Ein großer Teil unserer – v. a. westlichen – Gesellschaft verbringt viel Zeit damit seine Ressourcen auf- und auszubauen – dabei geht es nicht nur, aber auch um Geld. Ressourcenfixierung ist aber auch in unserer Alltagssprache versteckt, immer dann wenn wir networken oder uns einen Ruf aufbauen wollen.

Das scheint für viele als ein Weg zu Wohlstand und einem damit verbundenen Glück (was auch immer dies bedeutet), aber warum existieren sie dann diese unglücklichen Menschen, die eigentlich alles haben: Geld, Wissen, gute Beziehungen und dennoch unglücklich in ihrem Studierzimmer sitzen.

Rosas Antwort darauf ist fehlende Resonanz.

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Werdet wach! – wie Europa Hilfesuchende verkommen lässt.

In Vergessenheit geraten, als Normalität abgestempelt, die Augen verschlossen, Unwissenheit und Willenslosigkeit – der Umgang der Menschheit, speziell der Regierungen mit den Hilfssuchenden auf der Flucht und aktuell hauptsächlich den Geflüchteten in Griechenland ist eine humanitäre Katastrophe.

Die „Lebensumstände“ in den Flüchtlingscamps sind inakzeptabel. In den insgesamt fünf Aufnahmezentren hoffen aktuell um die 40.000 Menschen auf eine Zukunft. Diese Zentren sind gerade einmal für 6.000 Personen ausgelegt. Mehr als ein Drittel von den Geflüchteten sind Kinder.
Eines der Camps ist in Moria auf Lesbos. Dort verkommen zurzeit etwa 20.000 Menschen auch deshalb, weil das Lager nur für 2.800 Menschen ausgelegt ist. Der Alltag vor Ort ist von allgegenwärtiger Gewalt, selbstgebauten „Hütten“ aus Plastikplanen und Holz, unzureichender Lebensmittelversorgung, Wasser und Hygieneeinrichtungen geprägt. Auf der Suche nach Hilfe und einem nicht von Angst geprägtem Leben landen sie hier, an einem Ort der, wenn auch aus einem anderen Grund, keine wirkliche Verbesserung der Lebensqualität bietet [1].

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Welt aus Plastik

Die Sonne kommt die letzten Tage wieder etwas öfter und länger raus; beste Zeit für lange Spaziergänge. Doch wer kennt es nicht? Vor allem vielbelaufene Strecken, sind oft vermüllt. Hier ein Zigarettenstummel, dort eine Plastikverpackung. Keine*r fühlt sich zuständig, den von anderen verursachten Müll aufzuheben. 

In Deutschland fallen pro Jahr und Person etwa 38 kg Plastikverpackungsabfall an [1]. Deutlich mehr als im europäischen Durchschnitt – mit 24 kg [2].

Noch viel erschreckender sind die folgenden Zahlen: 

10-20 Jahre braucht eine Plastik-Einkaufstüte um sich vollständig zu zersetzen. Bei PETFlaschen und anderen Plastikarten bis zu 450 Jahre. [1]

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