Zeit für Insektenhotels

Um es gleich am Anfang zu sagen, die Idee für diesen Artikel begann ganz spontan nach dem Ansatz Schlag-die-Zeit-zu-Hause-tot-ehe-du-tot-umfällst. Also kurzerhand vertrockneten japanischen Staudenknöterich geerntet, dieser wächst z.B. auf der Wiese hinter dem Informatikbau auf dem Campus, mit dem Taschenmesser in einzelne Röhrchen geteilt und dann noch mit Sandpapier entgratet – fertig. Aber halt, schon nach fünfminütiger Internetrecherche merkte ich: Mein Insektenhotel ist falsch gebaut!
Dazu gleich mehr…

Besteht denn die Notwendigkeit?

Ja! Das Insektensterben ist nicht erst seit heute Thema in der Umweltbewegung und zu den vielen subjektiven Wahrnehmungen („Früher waren mehr zermatschte Fliegen auf der Windschutzscheibe.“), gibt es inzwischen auch genug objektive Messungen, die von 75% Biomassenrückgang (Insekten!) in den letzten 27 Jahren sprechen [1][2].  Auf der einen Seite stehen die schwindenden Nahrungsquellen in Folge von Monokulturen mit den großflächigen Pestizideinsätzen und perfekt getrimmten Rasenflächen, auf der anderen Seite ist fehlender Wohnraum für die Insekten zu nennen, der z.B. der fortschreitenden Urbanisierung [3] anheimfällt.
Insektenfreundliche Wiesen könnten für ersteres eine Lösung sein, gerade auch deshalb, da innerstädtische Grundstücke einer geringeren Belastung durch Pestizide ausgesetzt sind als Agrarflächen. Zwei Projekte in diese Richtung laufen unter den Mottos „Puppenstuben gesucht“ und „Biene sucht Blüte – auch der tuuwi-Garten ist darüber zu finden.
Wohnraum wiederum wird über eine durchdachte Landschaftsgestaltung mit vielen unterschiedlichen Pflanzenarten und vor allem durch Totholz geschaffen – hier ist der Ordnungswahn des Menschen wieder einmal Teil des Problems… Wer einen Forstwald und die Wälder der Sächsischen Schweiz vergleicht, versteht was gemeint ist (wobei auch im Großen Garten viele alte und tote Bäume stehen/liegen gelassen werden).

Einer Einzelperson oder WG, deren Grundstück nicht über einen eigenen Garten und viel Platz für Blumenwiesen oder einen alten Baum verfügt, sei daher das Insektenhotel ans Herz gelegt!

Was muss ich beachten?

Zunächst suchen wir für unser Hotel einen geeigneten Standort aus, denn unsere werdenden Mütter sind nicht wie Maria und Josef, die die erstbeste Herberge mit Stall nehmen… Balkon, Terrasse, Fensterbrett oder Garten sind die Plätze, welche einer kurzen Untersuchung standhalten müssen:

Der Ort braucht ausreichend Schutz vor Wind und Wetter, um zu verhindern, dass das Baumaterial zu schimmeln anfängt. Da unsere Wetterseite in Deutschland meist nach Nordwesten weist (achtet mal beim Wetterbericht auf den Wolkenlauf) suchen wir demnach stets einen Platz mit Blick in Richtung Süden, dies sorgt für die nötige Wärme zum Entwickeln der Larven. Auch sollte der Standort nicht direkt auf Bodenhöhe liegen, da hier dann recht schnell Bodennässe für Pilzbefall sorgt.

Vögel finden mit den Larven die perfekten Eiweißlieferanten – ein Vogelnetz oder ein Maschendrahtgeflecht sorgen für ausreichend Schutz, wenn möglich sollten bis zu 20cm Abstand zwischen Insektenhotel und Vogelschutz liegen.
Als letztes sei noch erwähnt, dass Insekten trotz ihrer vielen Flugreisen einen Umzug überhaupt nicht mögen. Gerade wenn das Insektenhotel im Winter an einen wärmeren Standort (Keller, etc.) gebracht wird, kann dies den Rhythmus der Larven oder überwinternden Insekten durcheinanderbringen. [4]

Haben wir nun einen geeigneten Bauplatz gefunden, geht es an die Beschaffung des Baumaterials.

Die zwei wichtigsten Kriterien sind hierbei: Der Lochdurchmesser sollte nicht größer als 10mm und die Lochöffnung nicht ausgefranst sein!

Gerade der zweite Punkt erzeugt oftmals mehr Schaden als Nutzen. „Beim Abstreifen des Pollens aus der Bauchbürste kriechen die Wildbienen rückwärts in ihren Nistgang. Jeder Schiefer oder Holzsplitter könnte hier die Flügel irreversibel beschädigen, was letztendlich einem Todesurteil für die Wildbiene entspräche. Daher werden solche Gänge in der Regel erst gar nicht besiedelt.“ [5]

Welches Material ist geeignet:

  • Röhrenartiges Material (Schilf, Strohalme, Staudenknöterich, …) kann in jedweder Form verwendet werden. Aber bitte keine Plastikröhrchen: Da hier keine Luftfeuchtigkeit entweichen, kann droht die Verpilzung.  Obwohl hier röhrenartig steht, sollten keine Rohre i.S. einer beidseitigen Öffnung, sondern immer nur mit einer offenen Seite verwendet werden.
  • Holz sollte möglichst trocken sein, damit es zu keiner Rissbildung oder Verharzung kommt. Am besten sind Harthölzer, welche mit Faserverlauf (stirnseitig) angebohrt werden.
  • An Ziegelmaterial sind laut meiner Recherche nur Stangelziegel geeignet. Die üblichen Loch- und Hohlziegel werden gar nicht erst angenommen. Lehm oder Ton ist im ausgetrockneten Zustand zu hart für die Insekten und daher unangebohrt auch ungeeignet.
  • Markhaltige Stängel (Himbeere, Kletten, Disteln, …) sollten nicht waagerecht angeboten werden, da die Wildbienen mit ihrem Instinkt nach senkrecht stehenden Pflanzenstängeln suchen. Dies gilt aber nicht für andere Materialien, da andere Insektenarten durchaus auch waagerechte Nistplätze brauchen! [6][7]

Eine sehr ergiebige Quelle, die fast alle Arten der Nisthilfen (primär für Wildbienen) beschreibt und bewertet findet ihr hier.

Meine Erfahrung

Der japanische Staudenknöterich ist ein invasiver Neophyt. Wie der Name andeutet, stammt er aus dem japanischen Raum und ist für unsere heimische Pflanzenwelt durch sein extrem schnelles Wachstum eine echte Bedrohung. Persönlich ist mir der Begriff eines stillen, grünen Waldbrandes in Erinnerung geblieben. Daher ist der Staudenknöterich nicht wirklich positiv konnotiert, aber zum Bau des Insektenhotels reicht es (eine Möglichkeit ihn zu bekämpfen, könnte das Verspeisen sein, laut Wikipedia ist er als frische Pflanze sehr bekömmlich)… Zur Bearbeitung bietet sich ein normales Taschenmesser an, mit dem einmal rundherum eine Kerbe (“Sollbruchstelle”) angebracht wird. Danach kann der Stängel ohne Probleme in zwei Hälften getrennt werden. Kurz mit Sandpapier drüber und fertig ist das erste Apartment.

Mit dem Taschenmesser eine Sollbruchstelle erzeugen.

Bei meinem ersten Entwurf hatte ich keinen Gedanken an den Durchmesser der Röhren verschwendet, erst als ich fertig war, fragte man mich, ob die Löcher so groß sein müssten. Kurzer Blick ins Internet – nein müssen sie nicht. Zum Glück hat man in diesen Corona-Zeiten gerade viel Zeit… Also kurzerhand den ersten Entwurf in die Biotonne und alles beginnt von vorn – zum Glück muss mein 12-jähriger Nachbar nicht in die Schule und konnte mit anpacken.

Die Königsdisziplin – der Hummelkasten

Der Hummelkasten Marke “Eigenbau”.

Seit meiner frühsten Jugend bin ich ein begeisterter Freund der Sendung Löwenzahn – gerade die alten Folgen mit Peter Fritz Willi Lustig (schon der Name ist ein Kunstwerk!) haben es mir angetan. Die Folge Biene im Pelz (siehe Video) widmete sich der Hummel und zeigte am Ende die Möglichkeit zum Bau des eigenen Hummelkastens. Also habe ich, schon vor einigen Jahren, einen solchen Kasten gezimmert, ihn mit Sägespänen und Watte ausgelegt und warte nun seit geschlagenen vier Jahren darauf, dass mal eine Hummel einzieht. Der Standort ist sonnig, trocken und jedes Frühjahr tummeln sich Hummeln in meinem Garten, die alle dunklen Ecken anfliegen und untersuchen, ob nicht irgendwo eine kleine Höhle zu finden ist. Nur meinen Kasten, den verschmähen sie…

Dabei ist der Bau ganz einfach! Zunächst muss eine regenfeste Verkleidung gezimmert werden. Es gibt Varianten aus Holz, Ziegel oder Beton. Diese wird zunächst am Boden mit einem Polstermaterial (Holzspäne, Stroh, …) ausgelegt. Ein Rohr oder Schlauch als Einflugsloch und zwei Notausgänge (oben, links und recht vom Rohr) sind schnell angebracht. In eine Pappkiste, welche kleiner als die erste Kiste sei, wird nun ebenfalls ein Loch geschnitten und auf das Ende des Rohres gesteckt. Als letztes wird die Pappkiste noch mit Watte o.ä. gefüllt und verschlossen, wobei auch hier wieder ein kleiner Notausgang gebohrt werden muss. Für die Standortsuche gelten ähnliche Kriterien wie oben:

  • Der Kasten sollte nicht direkt auf dem Boden stehen. Einige Ziegelsteine sorgen für die nötige Belüftung. Als Dach kann ein mit Dachpappe versehenes Brett dienen.
  • Hummeln brauchen Morgensonne, wollen aber keine Mittagshitze – ein Plätzchen unter einem Baum scheint daher z.B. angebracht.
  • Die Hummelkönigin sucht im Frühjahr in Bodennähe nach einer geeigneten Erdhöhle, daher sollte der Einstieg so niedrig wie möglich sein. Da Erdhöhlen i.d.R. dunkel sind, habe ich ein schwarzes Rohr verwendet.

Weitere Informationen rund um den Hummelkastenbau findet ihr u.a. beim NDR, der Aktion Hummelschutz, oder in dieser Bauanleitung.

——————————————————–
[1] https://www1.wdr.de/wissen/natur/faktencheck-insektensterben-100.html

[2] https://www.bfn.de/themen/insektenrueckgang.html

[3] https://www.bfn.de/themen/insektenrueckgang-daten-fakten-und-handlungsbedarf/gefaehrdungsursachen-und-handlungsbedarf.html

[4] https://www.garten-und-freizeit.de/magazin/insektenhotel-standort

[5] https://www.naturgartenfreude.de/wildbienen/nisthilfen/bohrungen-im-hartholz/

[6] https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/hautfluegler/bienen/13704.html

[7] https://www.naturgartenfreude.de/wildbienen/nisthilfen/