Dresdner*innen gestalten heute ihre Stadt von morgen

Eine Woche lang eine autofreie Neustadt, essbare Pflanzen für alle in ganz Dresden, ein Restaurant, in dem aus weggeworfenen Lebensmitteln leckere Gerichte gezaubert werden. Klingt nach spielerischen Träumen? Klappt ja eh nicht? In Dresden werden sie Wirklichkeit. Im Rahmen des bundesweiten Städtewettbewerbs „Zukunftsstadt“ entwarfen zahlreiche Dresdner*innen Visionen für eine nachhaltige Stadtentwicklung – sozial gerecht, ökologisch vertretbar und unter Einbezug der UN-Nachhaltigkeitsziele. Seit 2015 tüftelten sie in drei Phasen an ihren Ideen, entwickelten Konzepte und eine konkrete Umsetzung im “Reallabor”. Heraus kamen dabei acht Projekte, mit denen die Stadt Dresden den Wettbewerb zusammen mit sieben weiteren Städten gewonnen hat. Fünf der spannenden Bürger*innen-Projekte haben sich bei uns im Rahmen eines City Cafés der Umweltringvorlesung Über Leben im Zukunfts(t)raum Stadt. am Montag genauer vorgestellt.

Alle Dresdner Gewinnerprojekte des Wettbewerbes im Überblick.

Da war Peter, der mindestens zwei größere Flächen im öffentlichen Raum sucht, um Beete für Obst und Gemüse anzulegen. Auf einem Stadtplan zeigte er potenzielle Gebiete dafür. „Essbares Stadtgründ – bürgerschaftliche gepflegt“ lautet der Projektname dafür.
Jaqueline stellte die Idee einer autofreien Neustadt für eine Woche im Jahr 2020 vor. Für eine Woche hat der motorisierte Individualverkehr woanders zu parken. Auf den Straßen sollen Kinder spielen, Nachbar*innen frühstücken, Bands spielen, Menschen auf einer Bank die Ruhe genießen. Eine zweite BRN wollen sie damit nicht erreichen, sondern die autofreien Straßen zum Alltag werden lassen. Natürlich bleibt der Zugang für Lieferfahrzeuge, Krankentransporte und ähnliches erhalten.
An einem anderen Tisch zeigte Maria Fotos von dem Projekt „Zur Tonne“. Rund ein Drittel aller Lebensmittel werden weltweit weggeworfen. Auch die Dresdner Tafel muss tonnenweise Lebensmittel wegwerfen, weil zu viel von den Supermärkten aussortiert wird. Dagegen will die Projektgruppe etwas tun. Momentan kochen sie aus den Lebensmitteln der Tafel für verschiedene Veranstaltungen. Die Vision ist es, ein Containerrestaurant im Neustädter Tafelladen zu eröffenen und jeden Abend zu kochen, damit auch Leute mit sehr geringen finanziellen Mitteln gutes und leckeres Essen genießen können.

Sigrid vom Projekt „Lebensraum Schule gemeinsam gestalten“ erklärt, wie der Schulraum von allen Beteiligten gemeinsam, kreativ und individuell gestaltet werden kann.

Matthias setzt an einer ganz anderen Stelle an. Er ist Teil des Projekts „Stadtteilfonds und -beiräte für nachhaltige und aktive Nachbarschaften“. Sie wollen eine weitere Ebene der Partizipation in der Johannstadt und in Pieschen einführen – die Stadtteilbeiräte. Diese stehen unterhalb der Stadtbezirksräte und werden demokratisch gewählt. Die Wahl läuft dabei jedoch ein bisschen anders ab: Zusammengesetzt wird der Beirat aus 10 Bürgervertreter*innen sowie 10 Vertreter*innen wichtiger Einrichtungen, die viermal jährlich gemeinsam über aktuelle Themen der
Stadtteilentwicklung beraten. Bei den Bürgervertreter*innen müssen jeweils eine Person über 60 Jahre alt sein, eine Person mit Migrationshintergrund, eine Person mit Behinderung, ein*e Ladenbesitzer*in, ein*e Freiberufler*in, eine jugendliche Person und noch zwei nicht näher spezifizierte Personen dabei sein. 2 Euro pro Einwohner*in hat dieser Stadtteilbeirat für Projekte zur Verfügung.
Sigrid stellte die Idee des Projekts „Lebensraum Schule gemeinsam gestalten“ vor. Gemeinschaftlich verwandeln Schulkinder, Lehrer und Lehrerinnen, Eltern und engagierte Bürger*innen das Außengelände einer Schule. Dabei lernen sie direkt und unmittelbar, wie demokratische Teilhabe funktioniert So wird die Betonwüste einer staatlichen Grundschule in einen lebendigen, kreativen, erholsamen Raum für alle verwandelt.

Aber wie soll das alles umgesetzt werden und wer finanziert das eigentlich? Die Umsetzung der Modellprojekte erfolgt mit Hilfe der Stadtverwaltung, der Forschung, verschiedener Interessenverbände und vor allem durch engagierte Bürger*innen selbst. Und gefördert werden diese Projekte durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Insgesamt stehen den Projekten über eine Million Euro zur Verfügung. Dass das alles beim zweiten Blick doch nicht so rosig scheint, erklärt Norbert Rost, freier Mitarbeiter des Zukunftsstadtprojektes. Da gab es immer wieder Schwierigkeiten mit langsamen Verwaltungsabläufen, ungeklärten Zuständigkeitsbereichen in den Institutionen, dem intensiven Zeiteinsatz der engagierten Bürger*innen, die nun schon seit drei an der Umsetzung ihrer Visionen ehrenamtlich sitzen oder Wissenlücken zwischen Forschung und Praxis.
Doch trotzdem sind die Projekte voller Motivation und setzen ihre Visionen in die Tat um. Dafür brauchen sie immer wieder Hilfe und weitere engagierte Teilnehmer*innen. Vielleicht wird eines der Projekte ja in eurer Nachbarschaft umgesetzt!

Die genaue Beschreibung aller Projekte sowie Kontaktlisten finden sich auf dieser Webseite:
Zukunftsstadt Dresden

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Text: Luisa Zenker und Theresa Zakrzewski
Bilder: Luisa Zenker

Spielend die Zukunft gestalten

Die Veranstaltung der Umweltringvorlesung “Über Leben im Zukunfts(t)raum Stadt” begann diese Woche mit einem Spiel mit der Ausgangsfrage “Wie kann unser Hörsaal verbessert werden?”. Zu Beginn bildeten die Anwesenden Zweier-Teams und tauschten sich über ihre Gefühle zum Raum aus- was gefällt, was ist schlecht und wie können die schlechten Dinge geändert werden? Schließlich sollten beide Gruppenmitglieder zu einem Konsens darüber kommen, was sie gern am Raum verändern möchten, um ihn besser zu machen. Dieser Prozess wurde in Gruppen zu viert und zu acht wiederholt. Schließlich sollten die im Konsens erarbeiteten Maßnahmen tatsächlich umgesetzt und abschließend präsentiert werden. Im Fall von Raum 403 im HSZ boten beispielsweise die nackte Betonwand auf der einen Seite des Raumes, die Bestuhlung oder das Fehlen von Grünpflanzen Gestaltungspotenzial. Natürlich konnten keine tatsächlichen baulichen Veränderungen vorgenommen werden und so wurden die Ideen mit Grünpflanzen und viel Kreide verdeutlicht (siehe Titelbild und Galerie am Artikelende). So entstanden rückenfreundliche Stühle zum drehen, mehr Fenster, Wandbilder, Raumbegrünung und ein Balkon.

Referentin Silvia Hable beschreibt den Prozess des Oasis Games, vom Traum zum Wunder.

Der Name des Spiels lautet Oasis Game. Erfunden wurde es vor 15 Jahren vom Intituto ELOS in Brasilien und nimmt die Metapher einer Oase in der Wüste auf. Überall auf der Welt gibt es Orte, die zu kleinen Oasen umgestaltet werden können, und zwar durch die Menschen, die dort leben. Und überall auf der Welt wird das Oasis Game inzwischen gespielt. Auch in Deutschland organisiert der Verein Ideen³ erfolgreich Prozesse zur Gestaltung kleiner Oasen.

Der grobe Spielablauf eines Oasis Games.

Nach Beendigung der Kurzversion des eigentlichen Spiels im Hörsaal stellte unsere Referentin Silvia Hable, welche als Bildungsreferentin für nachhaltige Stadtentwicklung und Beteiligungskultur bei Ideen³ tätig ist, das Spiel in seinem ganzen Ausmaß vor. Es soll Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben, ihren Lebensraum selbstständig und aktiv nach ihren Wünschen zu gestalten. Dabei lernen sie andere Menschen kennen und wertschätzen. Auf diese Weite stärkt das Oasis Game die Gemeinschaft und Nachbarschaft. Es dauert circa 7 bis 10 Tage, wobei sich die Spieltage auch über mehrere Wochen strecken können.  Jeder Tag stellt eine andere der sieben Spielphase da: Wahrnehmen, Begegnen mit dem Herzen, Träumen, Den Traum pflegen, Wunder, Feiern/ Wertschätzen, Größer träumen. Alle Teilnehmenden bekommen unterschiedliche Rollen, die sie auch tauschen können, sodass jede*r optimal integriert wird. Zum Einsatz kommen verschiedenste kreative Methoden wie World Café, Design Thinking, Musik und Kreistänze oder Traumkreise. Am Ende jedes Spiels steht ein Wunder- die neu geschaffene Oase, welche gefeiert wird. Die Einsatzszenarios des Spiels sind weit gefächert. Es kann als Katasrophenhilfe genutzt werden, bietet sich zur Leadership- und Persönlichkeitsentwicklung an, kommt aber auch bei der Stadt- und Gemeindeentwicklung, an Schulen und Universiäten zum Einsatz.

Das kurze Anteastern des Oasis Games im Hörsaal hat Lust auf mehr gemacht. Sicher können auch an der TU Dresden gemeinschaftlich Oasen gefunden werden!

Bock auf Mitmachen? Das nächste Oasis Game organisiert Ideen³ im Juli in Freiburg. Es werden noch Mitspieler*innen gesucht!
Bock auf Selbstmachen? Hier findet ihr eine Anleitung, um eurer eigenes Oasis Game auf die Beine zu stellen.

Eindrücke aus dem Oasis Game zur Umgestaltung des Hörsaals HSZ 403:

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Bilder und Text: Theresa Zakrzewski

Regiert Geld die Welt? Ein geldfreieres Leben ist möglich!

Frei sein. Frei zu tun und zu lassen was man will, zu gehen wohin man will, wie ein Vogel. Frei von allen Zwängen. Wer möchte das nicht? Doch wie schafft man sich ein freies, selbstbestimmtes Leben, das alle Möglichkeiten bereit hält?
Tobi Rosswog, Initiator des Projekt- und Aktionsnetzwerkes living utopia, hat davon eine genaue Vorstellung. Zwei Jahre lang hat er geldfrei gelebt und gibt sein Wissen und seine Erfahrungen seitdem an Unternehmen, Vereine und alle Interessierten weiter. Am 18. Juni war er als Referent unserer Umweltringvorlesung zu Gast in Dresden und gab den Studierenden eine Einführung zum Thema „Geldfreieres Leben. Wege in ein neues Miteinander“.
Nach Tobias Meinung haben wir alle die Möglichkeit, etwas weniger auf das Zahlungsmittel Geld angewiesen zu sein und dadurch freier zu werden. Dafür müssen wir die Grundgedanken unserer Gesellschaft überdenken. Denn geldfreier zu leben bedeutet beispielsweise auch, nicht mehr nach Stundenlohn arbeiten zu gehen, sondern das Arbeitspensum daran anzupassen, was jede*r Einzelne leisten will und kann.

Referent Tobias Rosswog im Gespräch mit den Teilnehmenden der Umweltringvorlesung

Geld durchzieht unser gesamtes Leben- mit Geld zahlen wir unsere Miete, kaufen wir unsere Lebensmittel und genießen wir Kultur. Ohne Geld keine neuen Kleidungsstücke, keine Fahrt mit dem Bus und kein Internet auf dem Handy. Spätestens seit der Entwicklung des Kapitalismus im Italien des 14. Jahrhunderts ist es zu einem essentiellen Bestandteil der meisten Gesellschaften auf diesem Planeten aufgestiegen, unterwirft uns seinen Zwängen, schenkt uns aber auch Freiheit.
Wer viel Geld besitzt hat ein unbesorgtes Leben und ihr oder ihm steht alles offen, oder? Das ist leider nur eine scheinbare Freiheit. Denn aus dem Privileg des Geldbesitzes wächst Verantwortung. Mit starker Finanzkraft kann in dieser Welt viel bewegt werden- zum Guten und Schlechten. Nur leider kommen die allermeisten wohlhabenden Menschen dieser Forderung nicht nach. Das meiste Geld fließt noch immer in Wirtschaftswachstum und dieses hat oft sehr umweltschädliche Gründe, z.B. Kriege und hohen und unreflektierten Konsum.

Wie extrem sich die Verhältnisse zwischen Besitz und Nicht-Besitz gestalten, demonstriert Tobi an diesem Beispiel: Die acht reichsten Männer der Welt besitzen so viel Geld wie 3,5 Milliarden Menschen. Das entspricht der Hälft der Erdbevölkerung. Die Ursache hierfür und das Hauptproblem des Geldes sieht unser Referent in der im Geld implementierten Tauschlogik: eine Leistung fordert immer eine gleichwertige Gegenleistung. Wer diese nicht erbringen kann, wird vom System ausgeschlossen. Und so verursacht das Geldsystem nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Krise.

Eine Empfehlung von Tobias Rosswog für alle, die sich mal aus einem anderen Blickwinkel mit Arbeit auseinandernsetzen wollen: das Buch “After Work. Radikale Ideen für eine Gesellschaft jenseits der Arbeit.”

Einen Ansatz um diese Krisen zu überwinden beschreibt Friederike Habermann in ihrem Buch “Ecommony”. Grundlegend hierfür ist, weniger Eigentum und mehr Besitz zu schaffen. Eigentum bezeichnet die rechtliche Beziehung zu etwas. Besitz hingegen beschreibt die soziale Beziehung. Wenn ich einen Stuhl besitze, kann ich auf ihm sitzen. Gehe ich weg kann jemand anderes kommen, den Stuhl benutzen und ihn so besitzen. Als Eigentümer/in des Stuhls kann man über den Stuhl bestimmen, verbieten darauf zu sitzen oder es nur gegen Gebühr erlauben. Mehr Besitz bedeutet also gemeinsame Güter- Commons, für die niemand bezahlen muss, weil sie allen gehören. Auf diese Weise herrscht mehr soziale Gerechtigkeit durch den gleichwertigen Zugang zu Ressourcen und Konsumgüter müssen seltener hergestellt werden, weil mehre Gruppen sich deren Nutzung teilen. Über sinnvolle Kommunikation können zusätzlich Arrangements geschlossen werden um, wenn nötig, längerfristigen Besitz zu regeln. Also überlegt beim nächsten Mal zweimal, ob ihr euch die Bohrmaschine, die ihr für 3 Löcher im Jahr braucht, wirklich selbst kauft. Sicher teilt auch gern jemand aus der Nachbarschaft die ihre/seine mit euch.

Noch zwei Mal habt ihr die Gelegenheit, euch zu interessanten Themen der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsalternativen zu informieren. Wenn ihr Lust habt, schaut hier vorbei:
URV Kapital is muss!? Wirtschaftsethik und -alternativen
Mittwochs, 16:40-18:10 Uhr
POT 112

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Bild und Text: Theresa Zakrzewski

Alternatives Wirtschaften

Am 29. Mai fand die Umweltringvorlesung Kapital is muss!? Wirtschaftsethik und –alternativen nicht als klassische Vorlesung sondern als Café statt. Bei einem solchen Café präsentieren sich verschiedene Gesprächspartner*innen an Tischen zwischen denen die Anwesenden in einem bestimmten Zeitrythmus wechseln und so alle miteinander ins Gespräch kommen. In diesem Fall konnten sie sich in gemütlicher Atmosphäre mit Vertreter*innen unterschiedlicher Initiativen unterhalten, die Wirtschaft neu denken- nachhaltiger, sozialer, zukunftsfähig.

An zwei Tischen präsentierten sich Dresdner Solidarische Landwirtschaften (SoLaWis). Bei diesem Konzept unterstützt man ein Jahr lang finanziell eine Bäuerin oder einen Bauern aus der Region und erhält im Gegenzug einmal die Woche eine Kiste mit saisonalen Lebensmitteln vom Hof, die man in Depots abholen kann. Solidarität entsteht so nicht nur mit den Landwirt*innen, sondern auch mit den Verbraucher*innen- je nach Lebenssituation kann ein individueller Beitrag gewählt werden, wodurch z.B. auch Studierende problemlos an dieser Art der regionalen und nachhaltigen Landwirtschaft teilhaben können. Das Prinzip des solidarischen Landwirtschaftens zwischen Verbraucher*innen und Landwirt*innen haben wir ausführlich in diesem Artikel behandelt.

Ebenfalls vertreten war die regionale Währung Elbtaler. Mit dieser soll der Wertschöpfungskreislauf von Geldausgaben für Produktion und Verkauf in der Region gehalten werden. Transportwege beispielsweise bleiben kurz und lokale Kleinunternehmen mit ihren Produkten und Dienstleistungen werden unterstützt. Wenn man den Elbtaler innerhalb einer bestimmten Frist nicht ausgibt, verfällt sein Wert. Auf diese Weise soll das Geld immer im Umlauf bleiben und nicht gehortet werden, sodass neues Geld gedruckt werden muss. Perspektivisch soll der Elbtaler den Euro als regionales Zahlungsmittel ergänzen. Ziel ist die Etablierung regionaler Währungen überall in Deutschland. In Dresden beteiligen sich am Elbtaler z.B. bereits Bäckereien, Handwerksbetriebe und ein Energieanbieter.

Circa 20 Teilnehmende informierten sich beim Café über Ansätze zu nachhaltigem Wirtschaften in Dresden.

Die Gemeinwohlökonomie Dresden hat ein alternatives, nicht finanzbasiertes Konzept zur Bilanzierung vom Unternehmen entworfen. Mithilfe einer fortlaufend weiterentwickelten Matrix können sich Unternehmen bewerten lassen und anhand der erreichten Punktzahl sehen, wie sehr sie zum Gemeinwohl beitragen. Null Punkte stehen dabei für den gesetzlichen Standard. Auch Werte unter Null sind also möglich. Möchte sich ein Unternehmen die eigene Gemeinnützigkeit zertifizieren lassen kann das die Gemeinwohlökonomie Dresden durch ausgebildete Berater*innen und Zertifizier*innen übernehmen.

Schließlich gehörte auch eine Gruppe der TU Dresden zu den anwesenden Initiativen, die Hochschulgruppe “Netzwerk Plurale Ökonomie“. Die Hochschulgruppe übt Kritik an der Beschränkung der Lehre an der TUD im Bereich Volkswirtschaftslehre (VWL) auf die sogenannte Neoklassik. Diese Strömung hat sich im 20. Jahrhundert durchgesetzt, weil sie die Wirtschaftslehre stark mathematisiert und wie eine Naturwissenschaft betrachtet. Auf diese Weise lassen sich mit den neoklassischen Modellen Annahmen über menschliches Verhalten auf dem Markt (Konsument*innen und Produzent*innen) treffen und daraus Formeln darüber aufstellen, wie unsere Wirtschaft funktioniert. Allerdings entsprechen diese Annahmen nicht der Realität. Beispielsweise ist die Betrachtung des Menschen als „homo oeconomicus“ (Kaufentscheidungen werden immer nach dem niedrigsten Preis getroffen) zu vereinfacht gedacht, Preis und Qualität korrelieren, wie in der Neoklassik angenommen, keinesfalls immer und insgesamt lassen sich die zweidimensionalen Berechnungen nur schwer auf die reale Welt übertragen, da viele wichtige Faktoren, wie beispielsweise der Mensch selbst, ausgeklammert werden. Die Hochschulgruppe versucht, bei den Studierenden der VWL ein Bewusstsein für die Beschränktheit der momentanen Lehre und ihre Nachteile zu schaffen und alternative Betrachtungsweisen der Wirtschaft an unserer Universität zu fördern und etablieren.

Ihr interessiert euch für Wirtschaft, studiert vielleicht in dieser Richtung oder wollt einfach so mehr darüber erfahren, wie man Wirtschaft und Nachhaltigkeit miteinander verbinden kann? Dann kommt zu den nächsten Terminen der Umweltringvorlesung:
immer Mittwochs, 16:40 bis 18:10 im POT 112

Hier geht’s zum vollständigen Programm der Umweltringvorlesung

Wohnen in Dresden wird teuer und politisch- Wir fragen nach

Der große Teil aller Dresdner Studierenden wohnt auch in der Landeshauptstadt. Viele kommen in Wohnungen und Wohngemeinschaften des Studentenwerkes unter. Auf diese Weise müssen sich Studierende noch nicht mit den realen Wonungsmarktpreisen herumschlagen. Spätestens mit dem Ende der Studienzeit ist diese Schonfrist jedoch vorbei und man muss je nach Lage mal mehr mal weniger Geld für Wohnraum ausgeben. In letzter Zeit wurden bundesweit Proteste laut, da besonders in den großen Städten Mieten immer weiter steigen – ohne eine Anpassung der Löhne. Alter Wohnraum wird teils kostenintensiv renoviert oder neue Wohnungen sehr teuer gebaut und vermietet. Bevölkerungsteile mit einem kleineren Geldbeutel werden so aus attraktiven, zentraleren Wohnlagen an den Stadtrand verdrängt.

Diese Problematik wird unter dem Titel “Wohnungsmarktentwicklung und Gentrifizierung am Beispiel Dresden” am 29.04. in der Umweltringvorlesung Über Leben im Zukunfts(t)raum Stadt. behandelt. Wir haben uns im Vorfeld mit Hannes vom Bündnis Dresdens Mietwahnsinn stoppen getroffen und eine Meinung zur Wohnungsmarktsituation in der Landeshauptstadt eingeholt.

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Was bedeutet für dich Gentrifizierung?
Gentrifizierung ist ein Prozess den Viertel und Kieze durchlaufen. Es handelt sich um ursprünglich günstigen Wohnraum in einer heruntergekommenen Gegend, in der sich zum Beispiel Kulturschaffende ansiedeln. Leute, die den Wohnraum attraktiv finden und ihn weiter aufwerten wollen, investieren entsprechend, wodurch der Wohnraum noch attraktiver wird und die Mieten steigen. Die ursprünglich im Viertel lebenden Menschen werden durch die erhöhten Mieten schließlich heraus gedrängt.

Was sind die Hauptforderungen eures Bündnisses für Dresden?
Unsere Forderungen sind weniger konkret politisch, sondern eher allgemein: Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht. Menschen dürfen nicht durch Profitorientierung aus ihrer ursprünglichen Lebensumgebung verdrängt werden.

Wie der Titel schon sagt, beschäftigt sich unsere Vorlesung explizit mit Dresden. Wie würdest du die aktuelle Wohnungsmarktsituation hier in der Landeshauptstadt beschreiben?
Die Stadt gibt dazu alle vier Jahre einen Wohnungsmarktbericht heraus, zuletzt 2018. Der kann online eingesehen werden. Der Leerstand beispielsweise ist nicht sehr hoch, momentan 6 Prozent, davon ein großer Teil Fluktuationsleerstand. Das heißt, wenn Leute aus einer Wohnung in eine andere umziehen, steht die alte Wohnung meist kurze Zeit leer, bevor sie neu vermietet wird. Der tatsächliche Leerstand ist also sehr gering.
Zusätzlich steigen die Mietpreise rapide, Grundstückspreise noch stärker. Und das hängt natürlich zusammen. Wenn Investor*innen Grundstücke kaufen müssen sie die Preise refinanzieren. Das spiegelt sich in den späteren Mietpreisen wieder, da die Investor*innen ihren Einsatz schnell wieder zurückbekommen wollen. Es wird auch viel spekuliert. Insgesamt ist die Situation schon angespannt, wenn auch nicht so stark wie in anderen deutschen Städten. Auf der Demonstration am 6. April hat man aber gemerkt, dass Bedarf da ist um über die Situation zu reden, besonders bei älteren Menschen. Es gibt viele Menschen, die gemerkt haben, dass die Mieten deutlich schneller steigen als ihre Löhne und sie perspektivisch dadurch Probleme bekommen.

Was kann die Stadt Dresden und was können wir als Einwohner*innen für eine gerechtere Wohnsituation tun?
Die wichtigen wohnungspolitischen Entscheidungen fallen tatsächlich nicht auf kommunaler, sondern auf Landes- und Bundesebene. Hier muss noch viel passieren. Die Stadt hat nur ein paar Möglichkeiten. Ein Werkzeug ist das Milieuschutzgebiet. Wollen Investor*innen in diesen Gebieten Wohnraum modernisieren, müssen sie vorher eine Genehmigung der Stadt einholen. Letztere hat in diesen Fällen auch ein Vorkaufsrecht. Ein weiteres Werkzeug ist kommunaler Wohnungsbestand. Damit kann die Stadt anders wirtschaften als ein gewinninteressiertes Unternehmen. Handeln müssen letztlich die Politiker*innen. Wir als Initiative wollen für entsprechenden politischen Druck sorgen. Erst dann passiert etwas. Den erzeugt man zum Beispiel durch Demonstrationen oder Organisation in Initiativen wie bei uns, die Vernetzung der Betroffenen untereinander.

Möchtest du unseren Studierenden noch etwas mitgeben?
Wenn Leute Unterstützung bei der Organisation und Vernetzung brauchen, helfen wir als Initiative ihnen. Wir treffen uns alle zwei Wochen als offener “Stammtisch Recht auf Stadt”. Bei Interesse kann man uns auch gern kontaktieren.

Ihr wollt mehr wissen zum Thema Wohnen in Dresden? Dann kommt zur Vorlesung am 29.04.!

WAS WANN WO?
Umweltringvorlesung Über Leben im Zukunfts(t)raum Stadt.
Wohnungsmarktentwicklung und Gentrifizierung am Beispiel Dresden mit Dr. Jan Glatter (Stadtplanungsamt Dresden)
29.04.19
16:40-18:10
HSZ 403

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Interview und Text: Theresa Zakrzewski
Bild: Dresdens Mietwahnsinn stoppen

Die moderne Stadt als Rührei

STADT. Das ist das Gegenteil von Land. Es gibt Klein-, Mittel-, Großstädte. Sie entstehen meist an größeren Kreuzungspunkten, werden von den verschiedensten Akteur*innen geprägt und bringen ab einer bestimmten Größe den Fluch und Segen der Anonymität mit sich. So oder ähnlich, aber auch ganz anders kann man eine Stadt beschreiben. Denn Städte sind unheimlich vielfältig und im ständigen Wandel begriffen, was ihre bewusste Beeinflussung zu einer anspruchvollen Aufgabe macht. Und damit steckt man auch schon mitten in der Problematik des Städtebaus, dem Thema der letzten Umweltringvorlesung “Über Leben im Zukunfts(t)raum Stadt” am 15.04.

Unter dem Titel “Von der Polis zur Metropolis und regionalen Agglomerationsräumen” führte Frau Prof. Angela Mensing-de Jong, Inhaberin der Professur für Städtebau an der TU Dresden, die Anwesenden in das komplexe Gebilde Stadt ein, gab einen Überblick zu Faktoren, die das Stadtleben bestimmen und zeigte Herausforderungen des heutigen Städtebaus auf. Eine grafisch sehr ansprechende Variante, um darzustellen welche Metamorphose Städte im Laufe der Zeit durchliefen, entwicklelte der Architekt Cedric Price (1934- 2003). Danach hatten Städte der Antike noch eine klar geordnete Struktur mit einem Zentrum und einer harten Außengrenze. Mit der Zeit schwommen die Strukturen immer mehr und gingen ineinander über, sodass man im Zustand des Rühreis- der heutigen, modernen Stadt- schließlich nicht mehr erkennt, wo sich das Zentrum und wo die Randgebiete befinden.

Vom gekochten Ei über das Spiegelei zum Rührei. So beschreibt der Architekt Cedric Price die Veränderungen in der Entwicklung von Städten über die Jahrunderte hinweg.

Städte lassen sich über verschiedene Parameter analysieren. Die Lage, Historie, Struktur, Funktion und Gesellschaft einer Stadt sind immer anders und zeichen gemeinsam ein ausführliches und einzigartiges Bild. So sagen die Lage und die topografischen Gegebenheiten etwas über die Ursprünge einer Stadt aus. Dresden entstand beispielsweise an einer leicht passierbaren Stelle der Elbe. Die Geschichte lässt sich anhand von Schichten und Fragmenten früherer Zivilisationen untersuchen, während man für die Struktur Haustypologien, Zonierungen oder die natürlichen Grenzen einer Stadt heranzieht. Auch die (ursprüngliche) Funktion lässt sich untersuchen, anhand der Gestaltung von Quartieren .

Durch die zahlreichen Betrachtungsmöglichkeiten, welche Frau Mensing-de Jong dem Publikum vorstellte, erhielt man einen guten Eindruck davon, wie komplex und vielschichtig menschliche Siedlungen aufgebaut sind. Zwei einschneidende Ereignisse in der jüngeren Geschichte der Stadtentwicklung stellen die Industrialisierung und der zweiten Weltkrieg dar. Durch beide gingen bisher vorhandene Strukturen oft zu großen Teilen verloren und wurden durch neue ersetzt. Und auch in der heutigen Zeit sind wieder neue Lösungen für die aktuellen Herausforderungen gefragt. Deutsche Städtebauer*innen sehen sich durch den demografischen Wandel und das anhaltende Wachstum von Metropolregionen gleichzeitg mit Expansion und Rückbau in den Städten konfrontiert. Nachhaltigkeit als Gestaltungungsfaktor und damit die Frage nach einem Strukturwandel weg vom Auto rücken zunehmend in den Vordergrund. Neue Arbeits-, Wohn- und Mobilitätsformen, zunehmende Warenströme und Digitalisierung müssen berücksichtigt werden.

Die Stadt ist ein Abbild der Zeit und Ausdruck der in ihr lebenden Gesellschaft. Es liegt also an uns, sie lebenswert zu gestalten und den Zukunfts(t)raum zur Realität zu machen.

Über Leben im Zukunfts(t)raum Stadt
Jeden Montag
16:40 bis 18:10
HSZ 403

Nächstes Thema: 25.04. Exkursion- Tiere in der Stadt mit Harald Wolf (Landeshauptstadt Dresden, Mitarbeiter für Artenschutz Untere Naturschutzbehörde)

Text: Theresa Zakrzewski
Bild: ddpix.de